Aufruhr um Helene Willfüer – Zeitgenössische Reaktionen
In ihrer Autobiografie erinnert sich Vicki Baum beim Erscheinen des Romans an Vorwürfe, dass der Roman „schlimmer als Pornographie, eine schamlose, schweinische Sensationsmache“ sei und daher als „verpönte, unanständige“ Lektüre „heimlich auf dem Klo“ gelesen werden musste (Baum 1962, 349).
Dem Erfolg des Romans taten diese kritischen Stimmen keinen Abbruch, im Gegenteil nutzte Ullstein schließlich die quer durch soziale Klassen und politische Couleurs gehenden Kontroversen zu Promotionszwecken und publizierte bereits während des laufenden Fortsetzungsabdrucks Leserbriefe (vgl. Barndt 2003, 113–121; King 2004). In einer Werbung für das Buch heißt es am 13.1.1929 in der Vossischen Zeitung: „Vicki Baum schrieb dieses Buch um das Problem der Mädchen-Mutterschaft, obwohl sie wußte, daß Angriffe nicht ausbleiben würden – schrieb es in der Erkenntnis, daß eine lebendige Gestalt in der Dichtung vieles erklären kann, was Tausende heute unbegriffen in sich tragen und brennende Frage ist.“ (Anonym 1929)
In der Zeitschrift Die Studentin wurden in der Nummer nach Erscheinen der Buchausgabe von stud. chem. Helene Willfüer die Leser*innen aufgefordert, ihre Erfahrungen zu teilen und über das Buch zu diskutieren. Negative Kritik und Protest kamen vor allem von Studentinnen, die Helene und Rainer wegen der Schwangerschaft Verantwortungslosigkeit vorwarfen (so schon während des Zeitungsabrucks Hinz 1928) und befürchteten, Helenes individuelles Schicksal und ihre Einstellung könnten als typisch für alle Studentinnen angesehen werden und eine allgemeine Abwertung von arbeitenden und besser ausgebildeten Frauen nach sich ziehen:
Ich wehre mich gegen die unausgesprochene Behauptung, daß anstrengendes Studium die Studentinnen notwendigerweise unsympathisch versachlichen, etwas natürlich Weibliches in ihnen ertöten, sie verknöchern müsse […]. Ich wehre mich weiter dagegen, daß es zwischen Studenten und Studentinnen nur eine mit Liebelei und Erotik durchdrängte Kameradschaft geben soll, die meistens zu Folgen führt, die man eigentlich fälschlicherweise Entgleisungen nennt. (Becher 1929)
Unter den Kommilitoninnen gab es jedoch auch Gegenstimmen, Helenes Entscheidung für das Kind sei „kein Studentinnenproblem, jede Näherin, jede Fabrikarbeiterin könnte denselben Entschluß fassen, und an diesem Punkt reiht sich Helene Willfüer ein in die Reihe der alleinstehenden Mütter von gestern, von heute, von morgen.“ (Hecht 1928, 58)
Abseits des Student*innenkreises waren die Reaktionen um einiges moderater; unter Mediziner*innen schätzte man vor allem, dass es Baum gelungen sei, das brisante Thema der unehelichen Schwangerschaft positiv und breitenwirksam dargestellt zu haben – wie ein Frankfurter Stadtmedizinalrat an die Autorin schreibt und Ullstein sogleich seiner Romanwerbung beifügt:
Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie zwei Millionen Menschen dieses Schicksal zum Nachdenken gegeben haben. Ich glaube, Sie recht zu verstehen, daß die sexuellen Schwierigkeiten, aus denen Konflikt und Tragik dieses Schicksals entstehen, Ihnen nicht die Hauptsache waren. Wir sind Ihnen dankbar, daß Sie einem so ausgedehnten Leserkreis einmal sagen, daß ein Mensch, der anständig, gerade und aufrecht bleiben will, dies unter allen Umständen auch kann. (Hagen 1929)
Helene ist eben nicht nur Studentin, sondern füllt als Chemikerin und Mutter sowohl traditionell männliche und weibliche Rollen aus, und ist damit ein Vorbild für alle Frauen. Das bestätigen auch Baums Schriftstellerkolleginnen Gabriele Reuter in der Vossischen Zeitung, die mit ihrem Roman Aus guter Familie (1895) selbst zur Jahrhundertwende einen Emanzipationsbestseller geschrieben hatte, und Gina Kaus in der Wiener Allgemeinen Zeitung, ebenfalls Ullstein-Autorin und Feministin. Kaus schätzt Baums Fokus auf die Schwangerschaft „nicht als moralisches, sondern als finanzielles Problem“ sowie Helenes Kampf mit den Schwierigkeiten als „arbeitende[] Frau“ (Kaus 1929). Helenes Berufstätigkeit und daher ökonomische Unabhängigkeit feiert auch die in der österreichischen Frauenbewegung engagierte und für den Schwangerschaftsabbruch eintretende Marianne Pollak in der Wiener Arbeiter-Zeitung als „Frauenweg ins Freie“ (Pollak 1929). In den meisten Rezensionen wird Helenes optimistische und positive Lebenseinstellung hervorgehoben, formal wird Baums virtuoser, packender und zeitgemäßer Erzählstil gelobt; Felix Salten vergleicht ihre sachliche Darstellungsweise des wissenschaftlich-akademischen Umfelds gar mit der Schreibweise von Emile Zola (vgl. Salten 1929).
Die Begeisterung des Publikums am Roman hält noch lange an, im November 1932 schreibt Baum, bereits in den USA, an ihren US-amerikanischen Verleger Nelson Doubleday: „[T]he outstanding success of this book in Germany was based on the fact that it is a very optimistic one, although it deals with carloads of misery. Still the mail brings letters every week telling me this book has encouraged and cheered up people in bad circumstances.“ (Brief von Vicki Baum [Chicago] an Nelson Doubleday, 27.11.1932, zit. n. Nottelmann 2002, 139) Ähnlich begeistert zeigen sich auch die US-amerikanischen Rezensent*innen, die neben Baums handwerklich-technischen Fertigkeiten („well written, well constructed“, Dangerfield 1933, 561) auch ihre akribische Recherche („As always with this author […] the background has been thoroughly studied.“ Strong 1933, 54) und ihr melodramatisches Talent hervorheben. Und in einer Sammelrezension gemeinsam mit (u. a.) Arnolds Zweigs Abtreibungserzählung Junge Frau von 1914 wird besonders Baums Einfühlungsvermögen hervorgehoben: „This is sensational popular fiction, and those who cannot endure Herr [!] Zweig’s pity and terror will find it to their taste.“ (Randall 1933, 533)
Gemessen an Leser*innenzahlen schrieb Baum mit stud. chem. Helene Willfüer den erfolgreichsten Roman über die Neue Frau der Weimarer Republik. Baum hatte mit Helene Willfüer eine Protagonistin geschaffen, die den modernen Frauentypus umfassend ausfüllte und heterogen gedachte Aspekte vereinte: Sie ist ambitionierte Studentin, treue Kameradin und Geliebte, ungewollt Schwangere und Angeklagte in einem Gerichtsverfahren, einfühlsame Mutter und erfolgreiche Wissenschaftlerin. Als transitorische Gestalt zwischen Tradition und Moderne stehend vereinte Helene sowohl Wunsch- als auch Angstvorstellungen des neuen Frauenbildes und sprach damit sowohl die feministische Müttergeneration an als auch konservative, die Mutterschaft propagierende Kreise sowie all jene Frauen, die auf Bildung und Berufstätigkeit setzten (vgl. Delabar 2010, 154f.).
Veronika Hofeneder
Literatur
- Baum 1962 - Vicki Baum: Es war alles ganz anders. Berlin u. a. 1962.
- Barndt 2003 - Kerstin Barndt: Sentiment und Sachlichkeit. Der Roman der Neuen Frau in der Weimarer Republik. Köln u. a. 2003.
- Becher 1929 - Lucie Becher: Stud. chem. Helene Willfüer. In: Germania 3, Februar 1929.
- Dangerfield 1933 - George Dangerfield: Good Melodrama. In: Saturday Review of Literature 9, 29.4.1933, 561.
- Delabar 2010 - Walter Delabar: Klassische Moderne: Deutschsprachige Literatur 1918–33. Berlin 2010.
- Hagen 1929 - Brief von Stadtmedizinalrat Dr. Hagen (Frankfurt/Main) an Vicki Baum, zit. in Werbung für „Vicki Baums neuester Roman“ in: Vossische Zeitung, 3.2.1929.
- Hecht 1928 - Hanna Hecht: stud.chem. Helene Willfüer. In: Die Studentin 5/6, 1928, 57–59.
- Hinz 1928 - Heddy Hinz: Kritik an stud. chem. Helene Willfüer. In: Frankfurter Zeitung (Abendblatt), 31.12.1928, 4.
- Kaus 1929 - Gina Kaus: Vicki Baum: Stud. chem. Helene Willfuer. In: Wiener Allgemeine Zeitung, 19.2.1929, 5.
- King 2004 - Adam Ryan King: The Pedagogy of Pulp: Liberated Sexuality and Its Consequences through the Eyes of Vicki Baum’s stud. chem. Helene Willfüer. In: Detectives, dystopias, and Poplit. Hg. v. Bruce B. Campbell u. a. Rochester 2014, 183–206.
- Nottelmann 2002 - Nicole Nottelmann: Strategien des Erfolgs. Narratologische Analysen exemplarischer Romane Vicki Baums. Würzburg 2002.
- Pollak 1929 - Marianne Pollak: Durchgesetzt! Frauenweg ins Freie. In: Arbeiter-Zeitung, 24.3.1929, 8.
- Randall 1933 - A. W. G. Randall: Books of the Quarter. In: The Criterion 12, 48, April 1933, 531–534.
- Salten 1929 - S. [d. i. Felix Salten]: Roman der Studentin. In: Neue Freie Presse, 17.2.1929, 30.
- Strong 1933 - L. A. G. Strong: Fiction. In: The Spectator 150, 13.1.1933, 54.
