Koloniale Ursprünge (Kapitel 1–5)

Vicki Baums umfangreicher, aus zwei Teilen bestehender Roman (vgl. Inhaltsverzeichnis in Baum 1943; Wolf 1944) zählt 15 Kapitel, die – auch wenn es über die Protagonist*innen in diesen einzelnen Kapiteln zahlreiche Verbindungen und Bezüge auf und zu den jeweils anderen Kapiteln gibt (vgl. Editors' Choice 1943) – durchaus als Einzelepisoden bzw. Einzelerzählungen angelegt sind und als solche rezipiert werden können (so ist z. B. auch das 14. Kapitel einmal als Einzelveröffentlichung separat gedruckt worden [Baum 1965]). Insofern wäre die Bezeichnung von Kautschuk als historischer Roman (so Loster-Schneider 2002) nicht ganz zutreffend, denn Baum führt die Geschichte des Stoffes bis zur gelebten Gegenwart fort. In diesem Punkt ist Baums eigene Bezeichnung des Textes als ‚Hybrid‘ angebracht, verbindet sie doch die historische Darstellung mit sozial- und zeitkritischen Momenten, die einerseits den Faschismus (samt antifaschistischem Widerstand innerhalb wie außerhalb Deutschlands) und andererseits den ungebremsten Kapitalismus in den USA thematisieren.

Den Auftakt des Romans macht ein Kapitel, das am Rio Negro in Brasilien Mitte des 18. Jahrhunderts beginnt und einen Pater Anselmus zeigt, der von seinem Schützling Manuel, einem Indigenen, auf die Fertigkeit der Indigenen hingewiesen wird, Gummischuhe herzustellen. Ein findiger schottischer Senhor Turnbull erfährt davon und kommt auf die Idee der Verwertung, nicht zuletzt durch gezielte Anlegung von Hevea-Plantagen. Im zweiten Kapitel rund ein Jahrhundert später konfrontiert Baum sodann die brasilianische Welt mit der US-Amerikas, weist auf den Börsenkrach von 1837 hin und erzählt von den Unternehmungen Charles Goodyears, durch dessen riskante Geschäfte Hezekiel Bancroft, ein Bostoner Ladenbesitzer, der an Goodyears Unternehmen geglaubt und diesem zunächst eine geringe Summe geborgt hat, untergeht. In Kapitel drei kehrt Baum wieder zurück in den brasilianischen Dschungel und erzählt die Geschichte von Ambrosio, der von einem verbrecherischen Schwager, der ihm Geld und Ausstattung zur Verfügung stellt, zur gefährlichen und gesundheitsgefährdenden Tätigkeit eines ‚Seringueiros‘ gepresst wird, der für das Abzapfen der Gummibäume zuständig ist.

Das Kapitel endet mit dem Mord am Schwager, der Ambrosios Gattin nachgestellt hat, und der dadurch notwendig gewordenen Flucht der Familie mit dem Schiff über den Amazonas – unterstützt von jenem als ‚verrückter Inglès‘ bezeichneten Henry Wickham, der auf die historische Person zurückgeht, die 70.000 Kautschuksamen im Jahr 1876 von Brasilien nach England verschifft.

Kapitel vier, das in den Jahren 1857 bis 1877 spielt, zeigt den Gärtnerlehrling Daniel H. Chambers, der in den englischen Kew Gardens seine Ausbildung erhält und der in Briefen an verschiedene Partner, seine Mutter, den Großvater und seine Geliebte, davon erzählt, wie er eine Sendung von jungen Hevea-Pflanzen, für deren Pflege und Aufzucht er zuständig ist, nach Ceylon auf Pflanzanlagen bringt, weil für das Gedeihen die tropische Umgebung günstiger ist. Nach kurzer Zeit jedoch verstirbt Daniel an einem Malaria-Anfall.

Kapitel fünf führt quasi als Impromptu in die Zeit des Ersten Weltkriegs und bietet ein Kammerspiel, das einen älteren Herrn mit seiner genusssüchtigen aktuellen jungen Geliebten zeigt. Deren Wunsch nach einem Nerz animiert ihn dazu, ihr über seine erste Geliebte zu erzählen, deren immer exklusivere Bedürfnisse (u. a. nach Einspännern und Gummiradlern) schließlich dazu führten, dass er sie damals an einen anderen, wohlhabenderen Liebhaber verlor.

Werner Jung

Historische Bezugspersonen des Romans

Literatur

  • Baum 1943 - Vicki Baum: The Weeping Wood. New York 1943.
  • Baum 1965 - Vicki Baum: Amerikanisches Familienportrait [Nachdruck des 14. Kapitels von The Weeping Wood in der Übersetzung von Fritz und Li Zielesch]. Basel 1965.
  • Editors' Choice 1943 - Editor’s Choice: Villain Rubber [Rez.]. In: The Commonweal, 17.12.1943, 233f.
  • Loster-Schneider 2002 - Gudrun Loster-Schneider: Exotisches, Vergangenes, Anderes? Nationalkulturelle Differenzerfahrungen in Vicki Baums Roman Kautschuk (1943/1945). In: Erfahrung nach dem Krieg. Autorinnen im Literaturbetrieb 1945–1950. BRD, DDR, Österreich, Schweiz. Hg. v. Christiane Caemmerer u. a. Frankfurt/Main u. a. 2002, 265–286.
  • Wolf 1944 - Ralph Wolf: The Hand of Esso [Rez.]. In: The New Republic, 7.2.1944.