Publikationsgeschichte

Der Roman erschien im Jänner 1929 zunächst in einer Auflagenhöhe von 16.000 Stück (vgl. King 1988, 93) beim Berliner Ullstein Verlag und wurde aus verlagstechnischen Gründen auf das Jahr 1928 vordatiert. Zuvor wurde er mit dem Zusatztitel stud. chem. Helene Willfüer. Der Roman eines jungen Mädchens unserer Zeit in elf Folgen vom 28.10.1928–13.1.1929 als Vorabdruck in der ebenfalls zum Ullstein Verlag gehörenden wöchentlich erscheinenden Berliner Illustrirten Zeitung (BIZ) publiziert.

Abgesehen von kleinen Abweichungen in der Wortwahl, Änderungen in Getrennt-/Zusammenschreibung, Groß-/Kleinschreibung, Zeichensetzung, Absatzgestaltung und Typografie sowie Ungenauigkeiten bei wissenschaftlichen Fachbegriffen ist der Text in der Zeitschrift im Vergleich zur Buchausgabe – vertraglich vereinbart (vgl. Vertrag Vicki Baum/Ullstein, 4.10.1926, UBV) – etwas gekürzt; deskriptive Passagen, Gespräche oder Träume sind entweder gekürzt bzw. gänzlich gestrichen genauso wie Stellen mit aus damaliger Sicht anstößigen sexuellen oder medizinischen Inhalten, wie z. B. erotische Passagen oder technische Details zur Abtreibungspraxis und zum Geburtsvorgang (vgl. auch Gruber 2011, 185, der Ähnliches für Menschen im Hotel feststellt). Diesbezüglich findet sich jedoch eine Ausnahme: In der BIZ bedauert Harryman Samson ganz explizit die „Erotik“ als die am meisten fehlende Tugend der deutschen Frauen, in der Buchfassung fehlt das Wort am Satzende: „Sonst deutse Weib Knie wie Teller. Diese gutt. Aber fehlt Wichtigste – Erotik –“ (BIZ 37, 46, 1928, 1962).

Bereits 1930 erscheinen erste Übersetzungen auf Dänisch, Norwegisch, Schwedisch und Finnisch, 1931 dann auf Spanisch, 1932 folgen Übersetzungen auf Englisch, Französisch, Italienisch, Ungarisch und Niederländisch; insgesamt wird der Roman in über 20 Sprachen übersetzt (Auflistung bei Nottelmann 2002, 343–345) sowie immer wieder in zahlreichen (auch fremdsprachigen) Zeitungen, wie z. B. dem Prager Tagblatt (17.1.1929) oder dem Reykjavíker Pjodv (Fortsetzungsabdruck ab 1.12.1937), (teil)abgedruckt.

1931 ist der Roman als fünfter Band Bestandteil von Vicki Baums achtbändiger Ullstein-Ausgabe „Romane des Herzens“. Und 1939 erscheint beim niederländischen Exilverlag Forum wieder eine deutsche Ausgabe, die textlich im Wesentlichen der Erstausgabe folgt (vgl. Vertrag Vicki Baum/Forum-Verlag, 1938, AdK, Nr. 94), genauso wie die erste Nachkriegsausgabe 1951 bei Droemer Knaur, die mit minimalen Eingriffen (z. B. Modernisierungen wie ‚Bahnsteig‘ für ‚Perron‘ oder der Änderung des ‚Onestep‘ zum ‚Walzer‘) auch für Buchclubausgaben herangezogen wird (z. B. Zürich: Büchergilde Gutenberg 1954). 1960, in Baums Todesjahr, erscheint der Roman als Taschenbuch Nr. 35 beim Münchner Heyne-Verlag. Die Ausgabe wird ein großer Erfolg, 1983 wird die 21. und bisher letzte Auflage gedruckt. Die für diese Ausgabe herangezogene Textfassung ist allerdings gekürzt (was auch King 2004, 203f., Anm. 9 beklagt, bei den englischen Wiederauflagen kam es offenbar zu keinerlei derartigen Eingriffen); wieder betreffen die Kürzungen wie schon beim Vorabdruck in der BIZ beschreibende – wenn z. T. auch andere – Textstellen und Passagen mit emotionalen Inhalten. So fehlen z. B. am Beginn des Romans jene Absätze, in denen Helenes Gefühle beim Halten des Babys und beim Wiedersehen mit Ambrosius geschildert werden (vgl. Baum 1961, 5–7). Neben den bereits andernorts erfolgten Modernisierungen in der Wortwahl (sowie weiteren, z. B. wird die Mensur als studentisches Brauchtum nicht mehr erwähnt) ist in der Heyne-Ausgabe auch nicht mehr vom ‚Fräulein Willfüer‘, sondern von ‚Helene Willfüer‘ die Rede. Außerdem wird in dieser Fassung auch eine Nebenfigur verändert: Helenes jüdischer Kommilitone Morgenthau, Angehöriger einer zionistischen Studentenverbindung, der ihr während der Schwangerschaft hilft und sie zur Geburt des Kindes ins Krankenhaus bringt, wird in ‚Morgenbloom‘ umbenannt und seine jüdische Identität wird unkenntlich gemacht (Baum 1961, 129, 134, 144). Diese Änderungen gingen aller Wahrscheinlichkeit nach von Verlagsseite aus – es gibt zumindest keine Hinweise auf eine diesbezügliche Initiative Baums – und waren nicht unmittelbar antisemitisch motiviert, sondern aus Gründen der vorauseilenden Selbstzensur vermutlich dem Zeitgeist der 1950er Jahre geschuldet, in denen der unaufgearbeitete Holocaust und das Judentum politische Tabu- bzw. Reizthemen waren (vgl. Barrale 2017, bes. 164–166).

Veronika Hofeneder

Siglen

  • AdK - Akademie der Künste, Berlin, Vicki-Baum-Archiv
  • UBV - Ullstein Buchverlage Vertragsarchiv, Berlin


Literatur

  • Barrale 2017 - Natascia Barrale: Das verschwiegene Jüdischsein. Entpolitisierte Romane in der Adenauerzeit am Beispiel von Vicki Baums Roman stud. chem. Helene Willfüer. In: Verschwiegenes, Unsagbares, Ungesagtes sagbar machen. Der Topos des Schweigens in der Literatur. Hg. v. Aleksandra Bednarowska und Beata Kołodziejczyk-Mróz. Berlin 2017, 155–168.
  • Baum 1961 - Vicki Baum: stud. chem. Helene Willfüer. München 21961.
  • Gruber 2011 - Eckhard Gruber: Was wird mein Roman einst sein, ohne daß ‚einhundertfünfzigtausendstes' drauf steht? Vicki Baums Roman „Menschen im Hotel" und der Ullstein Verlag. In: Ullstein Chronik. 1903–2011. Hg. v. Anne Enderlein. Berlin 2011, 179–189.
  • King 1988 - Lynda J. King: Best-Sellers by Design. Vicki Baum and the House of Ullstein. Detroit 1988.
  • King 2004 - Adam Ryan King: The Pedagogy of Pulp: Liberated Sexuality and Its Consequences through the Eyes of Vicki Baum’s stud. chem. Helene Willfüer. In: Detectives, dystopias, and Poplit. Hg. v. Bruce B. Campbell u. a. Rochester 2014, 183–206.
  • Nottelmann 2002 - Nicole Nottelmann: Strategien des Erfolgs. Narratologische Analysen exemplarischer Romane Vicki Baums. Würzburg 2002.