Der letzte Tag (1922)

Publikationsgeschichte

Der erste Buchdruck von Der letzte Tag erfolgte in Vicki Baums Novellensammlung Die andern Tage von 1922 (S. 255–319). Ein weiterer Buchdruck folgte in der gleichnamigen Sammlung ihrer Novellen von 1931 (S. 123–174). In der täglich erscheinenden Morgenausgabe der Vossischen Zeitung wurde vom 16.2.–1.3.1922 ein erster unselbstständiger Abdruck des Textes in zwölf Folgen (o. S.) publiziert (16.2.192217.2.192218.2.192219.2.192221.2.192222.2.192223.2.192224.2.192225.2.192226.2.192228.2.19221.3.1922).

Während sich die beiden Buchdrucke in erster Linie in Rechtschreibung, Interpunktion, Hervorhebung einzelner Wörter und Rücknahme von Austriazismen unterscheiden, finden sich im Zeitungsdruck darüber hinaus einige bedeutungsvariierende Wortabweichungen sowie eine andere Absatzgestaltung (die sechs kapitelähnlichen Unterteilungen sind hier zudem nummeriert). Vor allem in den letzten beiden Abschnitten, Hannes Rassiems Aufenthalt beim alten Kapellmeister und seiner Tochter Eva sowie Rassiems letzter Zugfahrt, fehlen in der Zeitungsfassung ausführlichere Passagen, die die erotische Annäherung zwischen ihm und Eva sowie Rassiems Entscheidung zum Selbstmord und seinen Abschied von der Welt näher beleuchten.

Andererseits enthält der Zeitungsdruck Zusätze, die den Abstieg des Tenors stärker vereindeutigen, insbesondere durch die ausführlichere Schilderung und Kommentierung seiner zusätzlichen Gesangsdarbietung aus Richard Wagners romantischer Oper Lohengrin im Hause und auf Wunsch des Kapellmeisters („‚Die Gralserzählung,‘ sagte Hannes Rassiem, und im gleichen Augenblick wurde seine Kehle schon eng und brennend trocken vor Erregung. Er sang die Gralserzählung, er begann und es ging nicht; er sang, versagte, scheiterte noch einmal; brach ab, mitten drinnen und mit einem durchaus mißglückten und dilettantischen Tongebilde“; Vossische Zeitung, 28.2.1922).

 

Themen und Strukturen

Mit ihrer „meisterhaft erzählt[en]“ (Tuschak 1923), ebenso „echt“ wie „lyrisch zarte[n]“ Novelle Der letzte Tag liefert Vicki Baum „ein melancholisches Nachspiel“ zu ihrem 1920 erschienenen Roman Der Eingang zur Bühne, wie schon die zeitgenössische Literaturkritik bemerkt (Wiegler 1923). Denn Hannes Rassiem, von dessen Misserfolg im Alter und seinem Selbstmord in der zwei Jahre später publizierten Erzählung nun ‚Bericht erstattet wird‘, heißt auch der berühmte Tenor in Baums Roman. Er ist hier Gesangslehrer der in ihn verliebten Studentinnen Elis und Dima am Wiener Konservatorium und trägt Züge der von Baum selbst verehrten Musikerpersönlichkeiten aus ihrer Ausbildungszeit zur Harfenistin (vgl. Nottelmann 2007, 69): dem Heldentenor Leo Slezak (1873–1946) und dem vielseitig musikalisch tätigen Carl Lafite (1872–1944) . Als Musikerin spielte Baum dann u. a. die Harfenpartien in Opern Richard Wagners, so 1914 in Berlin in seinem Zyklus Der Ring des Nibelungen sowie im selben Jahr im Frankfurter Tannhäuser, und unterrichtete an dem von Lafite 1909 mitbegründeten Neuen Wiener Konservatorium (vgl. Nottelmann 2007, 53, 60).

Der Handlungsort in Der letzte Tag, die fiktive, ‚mittelgroße Residenzstadt‘ Neuenburg, trägt zudem Züge Hannovers, wo Baum von 1919 bis 1923 mit ihrer Familie lebte, da ihr Ehemann Richard Lert als Erster Kapellmeister am Opern- und Schauspielhaus tätig war. Zuvor war er als Operndirektor am Stadttheater Kiel beschäftigt gewesen, worauf in Baums Erzählung wohl die Nachfrage des Oberspielleiters nach einem vorherigen Kieler Engagement Hans Hansens anspielt.

Neben diesen, für Baums Werke typischen, autofiktional-intratextuellen Bezügen variiert Der letzte Tag vor allem Intertexte aus dem Frühwerk Thomas Manns, dem Baums Novellenausgabe von 1922 auch gewidmet ist – eine „Verwandtschaft“ beider Autoren, auf die bereits der Rezensent Hans Sturm (1923) hingewiesen hat, insbesondere zu dieser Novelle aus der Sammlung Die andern Tage. Konkrete Bezüge lassen sich dabei zu Manns Erzählungen Tristan und Tonio Kröger von 1903 sowie zu seiner Novelle Der Tod in Venedig (1912) erkennen, an welche auch Baums im Spätsommer 1922 fertiggestellte Adoleszenzgeschichte Bubenreise anschließt, die in Venedig angesiedelt ist (vgl. Nottelmann 2007, 78; Blumesberger 2013).

Denn während die große männliche Solopartie des Tristan aus Wagners im Zentrum von Manns gleichnamiger Erzählung stehender Oper Tristan und Isolde einst zu den international erfolgreichen Paraderollen von Baums Protagonisten in Der letzte Tag gehörte, verweist sein Klarname Hans Hansen auf den bei Mann so genannten Jugendfreund Tonio Krögers, welcher in allem das Gegenteil des Titelhelden verkörpert. Hans steht für die Sehnsucht des vergeistigten Dichters Tonio nach dem Lebendigen, Glücklichen und Gewöhnlichen – also eigentlich eher für Aspekte, die in Baums Text mit Hansens jüngerem Konkurrenten verbunden werden, dem Sänger Schmitt aus Bielefeld mit seinem „sorglose[n], unbekümmerte[n], rohe[n]“ (195) und vom mittlerweile gereiften Protagonisten verabscheuten Wesen.

Darüber hinaus ist die kosmetische Verjüngungsprozedur von Baums 50-jährigem Opernsänger einerseits an die ‚heilsame Toilette‘ des gleichaltrigen Majors a. D. aus Johann Wolfgang Goethes Erzählung Der Mann von funfzig Jahren (1829) angelehnt (vgl. Dane 1994). Andererseits sind aber auch Parallelen zum 53-jährigen Schriftsteller Gustav von Aschenbach aus Manns Tod in Venedig erkennbar, der sich vom Friseur seines Hotels schminken und die Haare färben lässt, um jugendlicher und attraktiver auf den Teenager Tadzio zu wirken. Aschenbach unterscheidet sich dadurch am Ende kaum von dem bunt gekleideten, geschminkten Greis mit Perücke, gefärbtem Bärtchen und künstlichem Gebiss, den er auf seiner Hinfahrt nach Venedig noch entsetzt beobachtet hatte.

Mit Tod in Venedig erreicht Manns Reflexion über Kunst, Literatur, Geist und Leben ihren Höhepunkt, deren ästhetizistische Trennung auch in Tonio Kröger und Tristan (hier zudem in parodistischer Auseinandersetzung mit dem Wagner-Kult) verhandelt wird. Der vordergründig ebenso in Baums Text aufgenommene Antagonismus von Kunst und Leben, Alter und Jugend, Geist und Naivität über die Figurenpaare Rassiem–Schmitt bzw. Hannes–Eva wird bei ihr aber zum einen durch nicht ganz eindeutige Zuweisungen durchkreuzt. So trägt der ‚wissende‘ Künstler Rassiem/Hansen bei ihr ja den Namen seines lebensfroh-naiven Gegenparts bei Mann und wird darüber hinaus als ‚Womanizer‘ beschrieben. Zum anderen werden solche Gegensätze als Konflikte unterschiedlicher Gesangsauffassungen, Opernstile und Theatermodelle zwischen Tradition (Schmitt) und Innovation (Rassiem/Hansen) in die Sphäre der Kunst bzw. Musik selbst transferiert.

Vorbilder für den Opernsänger Hannes Rassiem in "Der Eingang zur Bühne" und "Der letzte Tag"

Baums Heldentenor scheint einerseits an seinen Namensvetter, den auch aus Dänemark stammenden Opernsänger und Stummfilmstar Paul Hansen (1886–1967), angelehnt zu sein, der von 1913 bis 1925 am Deutschen Opernhaus in Berlin beschäftigt war. Wie Baums Hans Hansen brillierte er sowohl in Tenor- als auch in tieferen Baritonpartien vor allem in Werken Wagners, etwa als Parsifal und als Walther von Stolzing in den Meistersingern von Nürnberg. Ähnlich wie der Stanzer Schmitt bei Baum hatte Paul Hansen vorher zudem als Kupfer-Ziseleur gearbeitet. Die Entwicklung von Baums Hansen verweist aber auch auf diejenige Enrico Carusos, den internationalen, ebenfalls bis nach Amerika engagierten Startenor, der 1921, also nur ein Jahr vor dem Erscheinen von Baums Erzählung, starb und unter großer öffentlicher Anteilnahme beigesetzt wurde.

Caruso, der später u. a. auch in Baums Opernroman Die große Pause (1941) erwähnt wird (vgl. Baum 1980, 13), war berühmt für seinen baritonalen Stimmklang und seine Bühnenpräsenz. Zunächst ein Vertreter der alten italienischen Schule des Belcanto, etablierte er einen neuen, beispielhaften Gesangsstil, bei dem nicht mehr der schöne und mit eigenen Ausschmückungen versehene Vortrag des Sängers im Vordergrund stand, sondern die musikalisch-dramatische Gestaltung der jeweiligen Figur. Eine ähnliche Entwicklung nimmt auch Baums Protagonist, der erst mit der zunehmenden Erfolglosigkeit im Alter beginnt, seine Rollen bewusst zu durchdenken, zu formen und neu zu interpretieren. Dadurch unterscheidet er sich von seinem jüngeren Konkurrenten Schmitt, der zwar einzelne Töne beinahe in der Höhe früherer Kastraten, jedoch ohne Technik, Stil oder Verständnis für die Rolle und den Zusammenhang des Werks erzeugen sowie lediglich mit stereotypen, von ihm selbst gering geschätzten Gesten begleiten kann.

Rassiem/Hansen wird darüber hinaus in erster Linie mit Partien aus Opern des musikalischen Erneuerers Wagner (Tristan, Walther von Stolzings Preislied aus den Meistersingern, Siegfried, Parsifal, Siegmund), dem zunächst von Wagner bewunderten Giacomo Meyerbeer (Die Afrikanerin), dem gleichfalls musikdramatisch ausgerichteten Spätwerk Guiseppe Verdis (Othello) und dem romantischen Liederzyklus Franz Schuberts (Winterreise) in Verbindung gebracht. Insbesondere in den Zitaten und Figuren aus Othello („‚Du liebtest mich, weil ich Gefahr bestand, ich liebte dich um deines Mitleids willen — —‘“, 215) und der Winterreise (Wanderer, Leiermann) spiegeln sich auch die kurze Beziehung zwischen Eva und Hannes sowie dessen hoffnungsloser Weg in den Tod wider. Demgegenüber bedient der Jugendliche Heldentenor Schmitt eher die Form der alten italienischen Nummernoper, an der sich mit Gaetano Donizettis Torquato Tasso und der Stretta aus Verdis Troubadour auch der Spielplan des Neuenburger Theaters orientiert, wo beide Sänger sich beworben haben. 

Gustav Klimt: Zuschauerraum im Alten Burgtheater in Wien, 1888. Public domain via Wikimedia Commons.

Durch seinen Zuschauerraum im Stil eines höfischen Barocktheaters (mit balkonartigen Rängen, die durch sichtbehindernde Trennwände in einzelne Logen unterteilt sind) verweist diese neue Wirkungsstätte Schmitts bereits architektonisch in die Vergangenheit, während sich die Erinnerungen von Rassiem/Hansen und dem alten Kapellmeister auf Wagners innovativ gestaltetes Festspielhaus in Bayreuth konzentrieren. Dessen zweckmäßig gestalteter Zuschauerraum folgt der antiken Form eines ansteigenden Amphitheaters mit guter Sicht von allen Plätzen, seine (damals noch nicht allgemein übliche) Verdunklung sowie der tiefliegende, verdeckte Orchestergraben beförderten die von Wagner intendierte Konzentration auf das Werk und seine Bühneninszenierung.

Mit seiner Konfrontation unterschiedlicher Musikrichtungen, der Wagner-Begeisterung sowie der Aufnahme und gleichzeitigen Durchkreuzung topischer Kunst-Leben-Antagonismen schließt Baums Novelle Der letzte Tag, welche durch die genaue Kenntnis der Autorin zugleich Einblicke in Strukturen und Jargon des zeitgenössischen Musiktheaterbetriebs erlaubt, an ihre ebenfalls tödlich endende Erzählung Raffael Gutmann an. Eine Beziehung beider Texte wird zudem durch ihre rahmende Anordnung in Baums Novellensammlung Die andern Tage von 1922 unterstrichen, die mit Raffael Gutmann beginnt und mit Der letzte Tag endet. 

In ihre Novellensammlung Die Strandwache (1953) wollte die Autorin den Letzten Tag indes nicht mehr aufnehmen, er sei „etwas zu juvenil und suess“ (Brief Baum an J. C. Witsch, 29.3.1952, HAStK-RBA, Best. 1514, A 8, [Bl. 1]).

Julia Bertschik

Édouard Schuré: Zuschauerraum des Festspielhauses in Bayreuth, 1870er Jahre. Public domain via Wikimedia Commons.

Siglen

  • HAStK-RBA - Historisches Archiv der Stadt Köln, Kiepenheuer & Witsch-Nachlass

 

Literatur

  • Baum 1980 - Vicki Baum: Die große Pause. Roman [1941]. Köln 1980.
  • Blumesberger 2013 - Susanne Blumesberger: An der Schwelle zum Erwachsenwerden. Reifende Figuren bei Vicki Baum am Beispiel des Romans Bubenreise. In: Lifestyle – Mode – Unterhaltung oder doch etwas mehr? Die andere Seite der Schriftstellerin Vicki Baum (1888–1960). Hg. v. Susanne Blumesberger und Jana Mikota. Wien 2013, 128–140.
  • Dane 1994 - Gesa Dane: „Die heilsame Toilette“. Kosmetik und Bildung in Goethes ‚Der Mann von funfzig Jahren‘. Göttingen 1994.
  • Nottelmann 2007 - Nicole Nottelmann: Die Karrieren der Vicki Baum. Eine Biographie. Köln 2007.
  • Sturm 1923 - Hans Sturm: Die andern Tage [Rez.]. In: Das literarische Echo 25, 9/10, 1923, Sp. 548.
  • Tuschak 1923 - Helene Tuschak: Die andern Tage [Rez.]. In: Neues Wiener Abendblatt, 20.3.1923, 4.
  • Wiegler 1923 - Paul Wiegler: Zehn Bücher des Monats. In: Prager Tagblatt, 28.1.1923, [20].