Der Weg (1925 [1924])
Entstehung und Publikationsgeschichte
Vicki Baums Erzählung Der Weg entstand nach der ersten von zwei Operationen zur Gallen- oder Nierensteinentfernung ihres Ehemanns Richard Lert während seiner Zeit als Generalmusikdirektor in Mannheim (vgl. Nottelmann 2007, 96f.). Baum schrieb den Text im April 1924 an seinem Krankenbett und reichte ihn beim prestigeträchtigen Literaturwettbewerb der Kölnischen Zeitung ein, wo sie im Oktober 1924 den ersten Preis in der Kategorie „Novellen und Erzählungen“ erhielt, dotiert mit 5.000 Reichsmark (was etwa der Kaufkraft von 25.000 Euro entspricht; vgl. Kaufkraftäquivalente historischer Beträge in deutschen Währungen, 12.2.2025); Juryvorsitzender war Thomas Mann.
Daraufhin erschien der Text 1924 zunächst in drei Folgen (o. S.) des Literatur- und Unterhaltungsblatts der täglich erscheinenden Kölnischen Zeitung (25.10.1924, 28.10.1924, 30.10.1924); ein Jahr später dann als Bd. 26 der Reihe „Der Falke / Bücherei zeitgenössischer Novellen“ der Deutschen Verlags-Anstalt (Stuttgart, Berlin und Leipzig 1925). Weitere Buchdrucke folgten in Baums Novellensammlung Die andern Tage von 1931 (S. 175–211), als Auftakterzählung von Baums Novellensammlung Die Strandwache (Köln und Berlin: Kiepenheuer & Witsch 1953, S. 7–44) sowie postum in ihrem Erzählungsband Der Weihnachtskarpfen (Köln: Kiepenheuer & Witsch 1993, S. 53–85 und 2021, S. 59–98). Diese Abdrucke unterscheiden sich, neben wenigen bedeutungsvariierenden Wortabweichungen der Zeitungsfassung, lediglich in Rechtschreibung, Interpunktion und Absatzgestaltung.
Ein Memorandum von Baums englischem Verleger Geoffrey Bles an ihren amerikanischen Verleger Nelson Doubleday vom 16.1.1931 belegt zwar das seit 1928 bestehende Interesse an einer Übersetzung der Novelle für den englischsprachigen Markt (vgl. AdK, Nr. 133), es blieb allerdings bei einer durch die Autorin unterstützten Ausgabe des deutschsprachigen Originals für den schulischen Gebrauch, welche dem Text des Separatdrucks von 1925 folgt (mit Vorwort, Einleitung, Anmerkungen, Übungsaufgaben und Vokabeln herausgegeben von Erwin T. Mohme, New York: F. S. Crofts & Co. 1931).
Themen und Strukturen
„This little story is radical“, konstatiert Vibeke Rützou Petersen (2001, 23) zu Vicki Baums preisgekrönter Novelle Der Weg. Schon die zeitgenössische Literaturkritik sah hier die selten thematisierte „Tragödie des geplagten Hausweibes“, deren „Hirn in tausend kleine Sorgen verfältelt“, „uns alle seine erbärmlichen kleinen Tagesquälereien vor die Füße [wirft] wie ein umgestürzter Flickenkorb“ (Heine 1924/25, 621). Erzählt wird eine Woche aus dem Arbeitsalltag, dem „graue[n] Pflichtleben“ (Borgolte 1925) der kleinbürgerlichen, „mühsalverkümmerten“ (Janssen 1925, Sp. 287) Hausfrau Elisabeth Zienkann. Auf der Suche nach einem günstigen Kleiderschrank zieht sie sich eine Lungenentzündung zu, an der sie schließlich verstirbt; allerdings erst, nachdem der Schrank geliefert worden ist, mit dem sie das geordnete Geschick ihrer Familie verbindet (Nothegger-Troppmair 2012, 59, sieht hier eine Analogie zu Franz Werfels 1925 entstandener Erzählung Der Tod des Kleinbürgers, in der sich der bevorstehende Tod des männlichen Protagonisten so lange hinauszögert, bis seine Familie die Lebensversicherung erhalten kann).
Bei Baum beginnen vier der sechs nummerierten Abschnitte jeweils stereotyp mit der Erwähnung des Weckers, der den Beginn des nahezu pausenlosen und nicht enden wollenden, detailliert beschriebenen Haushalts- und Familienmanagements der Protagonistin ankündigt und so die Monotonie ihrer Arbeits- und Lebensroutinen über die iterierende Zeitstruktur der Alltagswahrnehmung deutlich macht. Unterbrochen wird dies lediglich durch Elisabeth Zienkanns tödliche Krankheit, insbesondere durch die Fieberträume und -visionen. In ihnen dokumentieren sich, unterstützt durch symbolisch eingesetzte Pflanzen, Tiere, Naturerscheinungen, Farben, Töne und Dinge, märchenhaft-romantische, paradiesisch-harmonische Kindheits- und Jugenderinnerungen an eine schönere Zeit vor der Ehe und dem Ersten Weltkrieg, sodass der Tod als Erlösung von einem ungelebten Leben erscheint – ein (Lebens-)‚Weg‘, den wohl auch die im Unterschied zum Sohn lediglich die Handelsschule besuchende Tochter Marianne einschlagen wird, die schon hier, notgedrungen und gendertypisch, in die mütterlichen Fußstapfen tritt.
Das auditive Leitmotiv des Weckerklingelns wird begleitet durch die Alltagsgeräusche von Bett- und Türklingel. Es geht schließlich in das im Traum vernommene Läuten einer Glocke über, „die sich letztlich als Totenglocke erweist“ (Nothegger-Troppmair 2012, 63), und in deren Klang sich das Bewusstsein der sterbenden Protagonistin am Ende selbst auflöst. Beide Bereiche, Alltags- und Traumebene, sind von einem betont einfachen, zumeist parataktisch angelegten Stil geprägt. In ihrer Kombination aus naturalistischen und neuromantischen Elementen erinnert Baums Erzählung an Gerhart Hauptmanns zweiaktige „Traumdichtung“ Hanneles Himmelfahrt (1893), die 1922 als Stummfilm adaptiert wurde (Regie: Urban Gad). Die hier gleichfalls paradiesisch anmutenden Fiebervisionen der 14-jährigen, von ihrem Stiefvater misshandelten Protagonistin während ihres herbeigesehnten Sterbeprozesses seien, laut Thomas Mann, dabei nichts anderes als „naturalistische Pathologie, zur […] Dichtung hoben“ (zit. bei Fromm 2000, 48; vgl. Mohme 1931, xii).
Baum, die als Kind selbst zur Pflege ihrer kranken Mutter verpflichtet wurde, forderte Anerkennung „nicht nur für ihr schriftstellerisches, sondern für ihr gesamtes Lebenswerk, das auch ihre Tätigkeiten als Musikerin, Pflegerin, Ehefrau und Mutter beinhaltet“ (Hofeneder 2018, 86) – eine Forderung, die erst im Zuge der zweiten Welle der Frauenbewegung in den 1970er Jahren erneut Bedeutung erhielt, etwa in der „Lohn für Hausarbeit“-Kampagne des International Feminist Collective seit 1972.
Baums Vorreiterrolle bei der literarischen Sinngebung tagtäglicher, traditionell ‚weiblich‘ konnotierter und zumeist unsichtbar bleibender Haus- und Care-Arbeit machen selbst noch die in den 2010er Jahren gespaltenen Reaktionen auf Karl Ove Knausgårds autofiktionalen Zyklus Min Kamp (2009–2011) deutlich. Seine ausführliche Darstellung des skandinavischen Familienalltags provozierte neben zustimmenden auch kritische Rezensionen, da angeblich nie zuvor ein Autor, noch dazu ein männlicher, „dermaßen ausführlich und unverblümt über Leiden und Freuden der Familienarbeit“ und damit über die eigentlich langweiligen ‚Banalitäten des Alltags‘ geschrieben habe (Blaschke 2018, 100, 103f.).
Übersehen wurde dabei nicht nur Gustave Flauberts Darstellung gänzlich unheroischer Durchschnittscharaktere und -situationen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ignoriert wurden auch Auseinandersetzungen von Autorinnen mit diesem Thema, etwa Brigitte Kronauers Gegenwartsroman Frau Mühlenbeck im Gehäus (1980), in dem am Beispiel der weiblichen Titelfigur ebenfalls und damit ganz im Sinne der soziologischen Alltagsforschung (vgl. Lefebvre 1987) minutiös geschilderte alltägliche Haushaltsverrichtungen mit herausgehobenen Momenten, zumeist aus der Erinnerung der Protagonistin, abwechseln (vgl. Bertschik 2009, 196–201).
Baums Erzählung aus den 1920er Jahren nimmt einen solchen Alltagsrealismus der „claustrophobic structure of the household duties“ (Petersen 2001, 24) aus dem „[w]irkliche[n] Leben“ (Borgolte 1925) ebenso vorweg wie die Austauschbarkeit des dafür einsetzbaren weiblichen Personals – ein Aspekt, den noch 2022 die österreichische Autorin Mareike Fallwickl in ihrem Roman Die Wut, die bleibt kritisiert. Dafür macht Baum mit ihrer Hausfrau Elisabeth Zienkann hier einmal nicht den damals modischen Zeittyp der jungen, berufstätigen Neuen Frau zum Thema; eine Konfrontation beider Frauentypen, der bei einem Autounfall in der Provinz gestrandeten Filmschauspielerin Leore Lania und der dort lebenden, gleichfalls Elisabeth genannten Ehefrau des Landarztes Persenthein, liefert 1930 dann ihr Roman Zwischenfall in Lohwinckel.
Julia Bertschik
Siglen
- AdK - Akademie der Künste, Berlin, Vicki-Baum-Archiv
Literatur
- Bertschik 2009 - Julia Bertschik: Propheten des Alltags – Poetiken einer ‚Neuen Nebensächlichkeit‘ in der Gegenwartsliteratur, besonders bei Brigitte Kronauer. In: Alltag als Genre. Hg. v. Heinz-Peter Preußer und Anthonya Visser. Heidelberg 2009, 191–206.
- Blaschke 2018 - Bernd Blaschke: Arbeitshass, Arbeitskult, Familienarbeit. Wofür schuftet Karl Ove Knausgård in seiner Autobiographie Min Kamp? In: Opus und labor. Arbeit in autobiographischen und biographischen Erzählungen. Hg. v. Iuditha Balint u. a. Essen 2018, 87–106.
- Borgolte 1925 - O. Borgolte: Vicki Baum: „Der Weg“ [Rez.]. In: Der Gral 20, 1, 1925, 128.
- Fromm 2000 - Eberhard Fromm: Gerhart Hauptmann: Hanneles Himmelfahrt. In: Berliner LeseZeichen 8, 8/9, 2000, 44–48.
- Heine 1924/25 - Anselma Heine: Romane und Erzählungen. In: Die Literatur 27, 1924/25, 620f.
- Hofeneder 2018 - Veronika Hofeneder: Leben als Beruf? Schreiben als Arbeit? Tätigkeitsfelder und Arbeitsbedingungen in Vicki Baums Autobiographie Es war alles ganz anders. In: Opus und Labor. Arbeit in autobiographischen und biographischen Erzählungen. Hg. v. Iuditha Balint u. a. Essen 2018, 67–86.
- Janssen 1925 - Magda Janssen: Der Falke. Bücherei zeitgenössischer Novellen [Rez.]. In: Beiblatt der Zeitschrift für Bücherfreunde N. F. 17, 6, November–Dezember 1925, Sp. 286–288.
- Lefebvre 1987 - Henri Lefebvre: Kritik des Alltagslebens. Grundrisse einer Soziologie der Alltäglichkeit [1958/61]. Übers. von Burkhart Kroeber und Karl Held. Frankfurt/Main 1987.
- Mohme 1931 - Erwin T. Mohme: Introduction. In: Vicki Baum: Der Weg. Hg. v. dems. New York 1931, vii–xii.
- Nothegger-Troppmair 2012 - Sonja Nothegger-Troppmair: Die Neue Frau der 20er Jahre am Beispiel Vicki Baum. Literarische Fiktion oder konkreter Lebenentwurf? Saarbrücken 2012.
- Nottelmann 2007 - Nicole Nottelmann: Die Karrieren der Vicki Baum. Eine Biographie. Köln 2007.
- Petersen 2001 - Vibeke Rützow Petersen: Women and Modernity in Weimar Germany. Reality and its Representation in Popular Fiction. New York und Oxford 2001.
