Die Filmindustrie – Hollywood als Wirtschaftsstandort
Einen zentralen Part des Romans nimmt die Thematisierung von „Hollywood als Wirtschaftsstandort“ (Rutz 2000, 60) ein. Vicki Baum zeigt die ausbeuterischen Bedingungen, die in der Filmindustrie herrschen, sowohl am Leben der Superstars Donka Morescu und Oliver Dent als auch am Beispiel jener, die sich auf der hierarchisch untersten Ebene befinden: Francis Warrens und Richard Aldens.
Gerade an der Figur von Francis illustriert Baum, wie Statistinnen (‚Extras‘) unter die Räder der ‚Traumfabrik‘ geraten können. Sie greift damit ein am Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre allgegenwärtiges Thema auf, wie zahlreiche Zeitschriftenartikel belegen, die von den – so gut wie immer vergeblichen – Träumen der kleinen Statistinnen berichten, entdeckt zu werden und zum Star aufzusteigen. Im Picture Play Magazine wird 1930 ein Castingdirektor von Paramount gefragt: „‚Has the extra a chance of getting anywhere in talkies?‘ ‚Untrained extras?‘ He shook his head, and gave me to understand that even the most promising novice ordinarily has about the same chance of attracting attention as he would have of climbing to Mars on a bean stalk.“ (Rittenhouse 1930, 18)
Angefacht wurden diese Träume aber nicht zuletzt von der Filmindustrie selbst: Im selben Jahr wie Leben ohne Geheimnis erschien etwa George Cukors Film What Price Hollywood?, in dem eine Kellnerin durch eine Bekanntschaft mit einem berühmten Filmregisseur Karriere als Hollywoodstar macht. In der Kurzgeschichte Once I Wore Ermine setzte sich Baum im Jahr nach dem Erscheinen von Leben ohne Geheimnis noch einmal mit dem kurzfristigen Aufstieg einer Statistin auseinander, die bei einer Filmpremiere wegen ihrer verblüffenden Ähnlichkeit mit dem weiblichen Star statt diesem eingesetzt, dann aber wieder ausgetauscht und fallen gelassen wird (vgl. Baum 1933 sowie dazu auch Hofeneder 2018, 91f.).
An Francisʹ Schicksal wird die Ausbeutung daher am offensichtlichsten: Im ländlichen South Carolina ist ihr Vater ein kleiner Bankangestellter, der durch den Börsencrash 1929 seine Stelle verliert, darum soll Francis Bibliothekarin werden („etwas Standesgemäßes“, 41), entscheidet sich aber für die Arbeit in einem ‚Beauty Shop‘. Nachdem sie in einer Magazin-Serie namens „Schönheit im Winkel“ – der Titel einer tatsächlich existierenden Fotoserie in der Zeitschrift Uhu (5, 2, 1928, 24–28) – entdeckt wird, kommt sie nach Hollywood:
Erst sind ein paar Probeaufnahmen gemacht worden. Das Haar fotografiert sich nicht, heißt es nach den Testen. Haare gefärbt. Dann war’s der Mund. Dann war das Temperament nicht richtig. Einem habe ich eine Ohrfeige gegeben, das war wieder zu viel Temperament. Aber es ist gar nicht wahr, daß man Karriere macht, wenn man mit jedem schläft – dann erst recht nicht. Ich sah, ich mußte was lernen zuerst. Tanzen, Singen, Sprechen. Das Arbeiten wäre das wenigste – aber die Stunden bezahlen! Schließlich kriegt man mal einen Extrajob und drei Wochen später wieder mal einen. Da leben Sie nun von den Sieben fünfzig. Make-up, und jede Woche muß das Haar gebleicht werden, und Kleiderverleih für die Gesellschaftsszenen. (42)
Francis’ Geschichte ist eine der Ernüchterung: Nachdem ihr Gesicht durch eine Narbe entstellt wird und das Geld für eine Rückreise in die Heimat nicht ausreicht, sieht sie nur noch den Ausweg, sich sexuell mit dem Castingdirektor Granit einzulassen, um eine Statistinnenrolle zu erhalten. Ihre Ausbeutung endet in den „Amüsierhäuser[n]“ (43) Hollywoods, die sich der „Vermietung junger Mädchen“ (43) widmen. Baum, die über ihre Protagonist*innen sagt, dass sie nicht „silly“, sondern „a little ‚sad‘“ (Anonym 1931) seien, schildert ihre Figuren in Leben ohne Geheimnis meist mit Empathie. Francis kann zwar einerseits in der literarischen Tradition junger Frauenfiguren gesehen werden, die versuchen, sich ohne (Aus-)Bildung durchs Leben zu schlagen, Glamour und Unterhaltung lieben, dafür durchaus auch strategisch auf finanziell bessergestellte Männer zurückgreifen – Figuren, die monologisieren und aussprechen, was ihnen in den Sinn kommt. Zu ihnen zählen etwa Doris aus Irmgard Keuns Kunstseidenem Mädchen, das im selben Jahr wie Leben ohne Geheimnis erscheint, oder Lorelei aus Anita Loos’ Gentlemen Prefer Blondes (1925; der Roman wurde 1927 unter dem Titel Blondinen bevorzugt von Gustav Kauder ins Deutsche übersetzt und war sehr wirkmächtig) – die beide von ihren Autorinnen mit Sympathie dargestellt werden. Andererseits zählt Baum aber auch „nicht zu jenen, die Verkäuferinnen, Sekretärinnen, Stenotypistinnen oder Künstlerinnen als Prototypen weiblicher Emanzipation begreifen, sondern die Ambivalenz dieser oberflächlichen Modernisierung beschreiben.“ (Gürtler 2013, 256)
Laura Tezarek
Literatur
- Anonym 1931 - Anonym: Vicki Baum Plans to Live on Coast. In: The New York Times, 17.11.1931, 27.
- Baum 1933 - Vicki Baum: Once I Wore Ermine. In: Pictorial Review 35, Dezember 1933, 14f., 26f., 30.
- Gürtler 2013 - Christa Gürtler: Doch keine „150-prozentige Amerikanerin“ – Vicki Baums kritische Liebesbeziehung zu Amerika. In: Lifestyle – Mode – Unterhaltung oder doch etwas mehr? Die andere Seite der Schriftstellerin Vicki Baum (1888–1960). Hg. v. Susanne Blumesberger und Jana Mikota. Wien 2013, 255–269.
- Hofeneder 2018 - Veronika Hofeneder: „It’s swell to be here and lousy to have to go away.“ – Vicki Baums Publikationen in amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften. In: Germanistik Grenzenlos. Festschrift für Wynfrid Kriegleder zum 60. Geburtstag. Hg. v. ders. und Nicole Perry. Wien 2018, 87–96.
- Rittenhouse 1930 - Mignon Rittenhouse: Your Chance in Talkies. In: Picture Play Magazine 6, August 1930, 16f., 104, 107, 110.
- Rutz 2000 - Gerd-Peter Rutz: Darstellungen von Film in literarischen Fiktionen der zwanziger und dreißiger Jahre. Münster und Hamburg 2000.
