Zeitgeschichte und (österreichische) Kultur

Marion lebt erwähnt zahlreiche historische Namen, Orte und Ereignisse. Während sich die Rahmenhandlung mit dem 14.6.1940 auf einen einzigen Tag beschränkt – den Tag des militärischen Einmarsches deutscher Truppen in Paris –, erstrecken sich die Erinnerungen der Protagonistin über eine Zeitspanne von den 1880er bis in die 1940er Jahre.

Vor allem im Bereich der Musik haben viele zeithistorische Daten und Fakten Eingang in den Text gefunden. So lassen im Roman vorkommende Werke Richard Wagners (u. a. Tristan und Isolde, Lohengrin, Der fliegende Holländer, Der Ring des Nibelungen, Tannhäuser) die steigende Begeisterung für diesen Komponisten in Wien um 1900 und den Erfolg Gustav Mahlers als Direktor der Wiener Hofoper (1897–1907) aufleben. Außerdem erklingen im Text die Stücke von Johann Strauss (Sohn) sowie Richard Strauss und es treten berühmte Sängerinnen wie Lotte Lehmann, Gemma Bellincioni oder Selma Kurz auf, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Wien gastierten. Marion erinnert sich mehrmals an tatsächliche historische Ereignisse in Wien, wie z. B. das Wiener Konzert des spanischen Geigers Pablo de Sarasate am 8.1.1886, die Aufführung der Oper Puppenfee am 4.10.1888 an der Wiener Hofoper, Gustav Mahlers Inszenierung von Tristan und Isolde an der Wiener Staatsoper am 21.2.1903 oder die Aufführung der Tosca am Wiener Hofoperntheater am 26.1.1910.

 

Fort Douaumont, 1924, Ernst von Schönfeldt. Public domain via Wikimedia Commons.

Mit der Nennung von Schauplätzen und Ereignissen des Ersten Weltkriegs (u. a. Verdun, Marneschlacht, Fort Douaumont) spannt der Roman einen historischen Kontext auf, den Marion in der Rückschau mit Verallgemeinerungen wie[w]ir alle wissen, was 1918 geschehen ist, was am Friedensvertrag von Versailles falsch war“ (354) oder „1918 haßte jeder jeden“ (356) reflektiert. Diesen allgemein gehaltenen Kommentaren zur politischen Lage stehen individuelle Erinnerungen der Protagonistin gegenüber, die sich z. T. auf Kleinigkeiten beziehen, u. a. die fehlende Beleuchtung auf den Straßen oder den abscheulichen „amerikanischen Speck“ (355f.) während des Krieges. Damit verweist der Text auf die Differenzen zwischen historischen Tatsachen und individueller Wahrnehmung und eröffnet eine Lektüre im Kontext von Gedächtniskonzepten der Literaturwissenschaft (vgl. Erll/Nünning 2005).

Die Handlung des Romans entfaltet sich vor einem Panorama unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppierungen, politischer Verbände und sozialer Schichten. Das soziale Elend betrifft sowohl die Protagonistin Marion, die Armut, Hunger und Wohnungsnot erleidet und um Lebensmittel Schlange stehen muss, als auch andere Romanfiguren. In der Wohnung von Marions Schwager, der ein Bein verloren hat und eine Prothese trägt, treffen schließlich ein Kriegsinvalide, deutschnational und militaristisch orientierte Verwandte sowie der jüdische Untermieter Manfred Halban aufeinander, der als Zwangsmieter aufgenommen wird. Hier zeigt sich Vicki Baums Stärke in der Figurendarstellung innerhalb eines Mikrokosmos, die sie seit Menschen im Hotel (1929) weiterentwickelt hat. Der Erste Weltkrieg hat in der Familie des Schwagers zu großen Verlusten geführt: Der älteste und der jüngste Sohn der Familie sind gefallen, der mittlere wird vermisst. Nachdem auch dieser als tot gemeldet wird, bringt sich der Vater um. Gesprochen wird darüber in der konservativen Familie aber nicht, es herrscht der Glaube, „die Mitglieder des Tillmannschen Geschlechts hatten die Verpflichtung ehrenvoll zu sterben.“ (313) Die von Militarismus und Nationalismus geprägte deutsche Gesellschaft steht im Kontrast zu den Folgen des Krieges, zu denen u. a. die Traumatisierung von Marions Ehemann Kurt Tillmann gehört. Auch die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Inflation werden anhand der Familienmitglieder veranschaulicht: Für den Verkauf seiner Wohnung bekommt der letztendlich 1919 doch noch heimkehrende Hellmuth Klappholz viele Inflationsmillionen, mit denen er „zwei Monate später nichts Besseres […] tun konnte, als sie ins Klosett zu schmeißen.“ (394) Marion flieht aufgrund der Wohnungsnot mit ihren Söhnen aufs Land, wo sie mit Holzschnitzereien „Millionen und Milliarden Inflationsmark“ (423) verdient.

Reichstagsbrand Berlin 1933, Deutsches Bundesarchiv, Bild 146-1977-148-19A. Public domain via Wikimedia Commons.

Auch die später mit der Arbeitslosigkeit einhergehende politische Radikalisierung im Berlin der 1930er Jahre ist Thema, als Marions Freundin Clara über den Brand des Reichstags 1933 berichtet, genauso wie der Einmarsch Adolf Hitlers in die Tschechoslowakei 1938, der Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 sowie weitere historische Entwicklungen. Diese werden jedoch in einen Zusammenhang mit alltäglichen Erlebnissen aus dem Leben der Protagonistin gesetzt – wie ihr Kommentar zu den militärischen Ereignissen verdeutlicht: „In den tieferen Teilen des Landes rückten pünktlich die Schwalben ein, und Norwegen war geschlagen. Die Veilchen und die Apfelblüten kamen und gingen, und nun waren Holland und Belgien an der Reihe. Und jetzt, da an unserem Baum die ersten grünen Kirschen hingen, war Frankreich zusammengebrochen.“ (721) Hier wird die Distanz zwischen der Weltgeschichte, die in großen Schritten voranschreitet, und der iterativen Struktur des Alltagslebens der Protagonistin besonders deutlich zum Ausdruck gebracht.

Österreichischer Bundeskanzler (29.7.1934–11.3.1938) Kurt Schuschnigg, Rikki Mitterer. Public domain via Wikimedia Commons.

Die zweite Romanhälfte spielt in Österreich, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Marion erinnert sich an Wien 1938 als „brodelnde[n] Kessel“ (625), geprägt vom Aufmarsch rivalisierender Gruppen. Marions Bemerkung, das Szenario habe „den leichten Anstrich einer Altwiener Operette“ (626) verbindet die politischen Ereignisse im März 1938 mit Elementen der österreichischen Kultur und greift dabei auch nationale Stereotype ironisch auf: „Da beide Parteien aus guten Österreichern bestanden, hatten sie unbegrenztes Vertrauen zu der aufpeitschenden Macht der Musik, und so schmetterten die Trompeten, quiekten die Pikkoloflöten, rasselten die Trommeln, die Menschen marschierten, und alles war lustig und nett.“ (626) Nach der im Radio übertragenen Rücktrittsrede des damaligen Bundeskanzlers Kurt Schuschnigg wird geschildert, wie die Stimmung im Wirtshaus in Brüllen und Heilsrufe ausartet, die „Stimmen waren heiser vom Schreien“, „wie in einer heiligen Ekstase“, eine „sinnlos begeisterte Menge“, eine „Massenerregung“ (638f.).

Baron Florian Rieger verkörpert eine Figur, deren Liebe zu Österreich in Marions Augen „beinahe unangenehm“ (622) ist, er ist katholisch, den Traditionen ergeben und „gehörte mit Leib und Seele zu Schuschniggs Österreich.“ (626) Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme muss der Schuschnigg-Anhänger Rieger fliehen – Anhänger*innen des autoritären Regimes waren mit dem Einmarsch Hitlers nun auch von Verfolgung betroffen und führende Vertreter*innen wurden mit dem ersten Gefangenentransport im April 1938 ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Mit der Reproduktion kulturhistorisch langlebiger österreichischer Stereotype (vgl. Johnston 2010) schafft es Baum kraft ihrer subtilen Ironie der tragischen Geschichte eine unerwartet humorvolle Wendung zu geben. So meint Rieger: „Wie Sie wissen, sind wir ein schlampiges Volk. Es wird schon eine Lücke in der Kontrolle geben, wo man durchrutschen kann. Man wird schon Möglichkeiten finden, sich’s zu richten.“ (647) Für die Flucht wird Rieger schließlich als Amerikaner verkleidet, an der Grenze zur Tschechoslowakei taucht jedoch ein ihm bekannter Kellner aus dem Wiener Kaffeehaus als Kontrolleur auf. Die Figur des Kellners ist ein Topos der österreichischen Kulturgeschichte (vgl. Girtler 2008), Baum stattet ihn außerdem noch mit nationalstereotypischen Eigenschaften wie Ungenauigkeit, Schlampigkeit und Opportunismus aus. Dadurch kommt es zu einer überraschenden Wendung der Handlung: „Gerade als wir wieder in den Waggon klettern, taucht dieser Mensch auf und sagt, ohne Rieger anzusehn: ‚Glückliche Reise, Herr Baron Rieger, und viel Glück!‘ Komische Menschen, deine Landsleute.“ (675f.) Durch die mangelnde Genauigkeit bei der Kontrolle wird hier im Roman ein vermeintlich österreichischer Charaktertypus entworfen, der zumindest in der Fiktion die historischen Tatsachen zu überlisten vermag.

Cafe Griensteidl, Wien, 1896, Reinhold Richard d. J. Völkel (Künstler), Wien Museum Inv.-Nr. 62352.

Diskurse des ‚Österreichischen‘ werden auch in Nebenfiguren aufgenommen, die die multinational geprägte Monarchie repräsentieren und zu denen u. a. der polnische Klavierlehrer Szimanski, das böhmische Dienstmädchen Kathi oder die ungarischen Händler am Donaukanal zählen. Die tatsächlich in der Habsburger Monarchie bestehenden nationalen Konflikte werden nur vage angedeutet (z. B. wenn Kathi begeistert ein Lied singt, das die Schönheit Böhmens lobt), vielmehr wird das Zusammenleben verschiedener Nationalitäten in Mitteleuropa als Normalität wahrgenommen.

Gustav Frank und Stefan Scherer haben die Aufnahme von kulturellem Wissen in die Literatur als Stil der ‚Synthetischen Moderne‘ beschrieben: Als versierte Erzählerin überantwortet Baum dieses Wissen allerdings nicht einer übergeordneten Erzählinstanz, sondern integriert es im Roman als Handlungselement ins Figurenleben (vgl. Frank/Scherer 2022, 76). Dabei nimmt Marion lebt Themen auf, die bereits in Baums Feuilletons der 1920er und 1930er Jahre angelegt sind (vgl. Baum 2018). In Marions Erinnerungen werden neben historischen Namen und Ereignissen auch viele kulturelle Details und technische Entwicklungen erwähnt, die die Gesellschaft in der erzählten Zeit prägten. Dazu zählt z. B. der Einbau von Wasserleitungen und Aufzügen in Wiener Wohnhäusern, die Beleuchtung von Straßen oder die Nutzung des Telefons, das sich Anfang des 20. Jahrhunderts als neues Kommunikationsmittel etabliert. Als Marion als junges Mädchen von zu Hause wegläuft, telefoniert sie zum ersten Mal in ihrem Leben. Die Irritation der Protagonistin gegenüber dem technischen Apparat wird sprachlich durch die Personifizierung der Technik verdeutlicht: „‚Du bist ein verrücktes Ding‘, sagte das Telephon.“ (156) Außerdem sind im Text immer wieder beiläufige Hinweise auf Mode- und Schönheitstrends in die Handlung eingestreut. Kommentare Marions zur Kosmetik, die „aus grobem, weißem Reismehl“ (77) bestand, oder die schwarzen Reformkleider, die zur Zeit der Jahrhundertwende modern waren, „mit großen weißen, gefältelten Kragen, auf denen unsere Gesichter wie auf gezackten Porzellantellern serviert waren“ (121) dokumentieren Baums Interesse an und ihre profunden Kenntnisse in diesem Bereich.

Desiree Hebenstreit

Literatur

  • Baum 2018 - Vicki Baum: Makkaroni in der Dämmerung. Feuilletons. Hg. v. Veronika Hofeneder. Wien 2018.
  • Erll/Nünning 2005 - Astrid Erll und Ansgar Nünning: Gedächtniskonzepte der Literaturwissenschaft. Theoretische Grundlegung und Anwendungsperspektiven. Berlin 2005.
  • Frank/Scherer 2022 - Gustav Frank und Stefan Scherer: Umrisse einer Poetik der Globalen Synthese. In: Text + Kritik 235, 2022: Vicki Baum. Hg. v. Julia Bertschik u. a., 71–80.
  • Girtler 2008 - Roland Girtler: Der Kellner im Kaffeehaus. In: Ders.: »Herrschaften wünschen zahlen«. Die bunte Welt der Kellnerinnen und Kellner. Wien u. a. 2008, 182–184.
  • Johnston 2010 - William Johnston: Der österreichische Mensch. Kulturgeschichte der Eigenart Österreichs. Wien 2010.