Poetologische Grundlagen und Tatsachenroman
Anlässlich der Publikation der deutschen Neuübersetzung des Romans unter dem Titel Cahuchu im Verlag Kiepenheuer & Witsch, der seit 1951 die Bücher Vicki Baums verlegt, bemerkte der junge Heinrich Böll, ebenfalls seit 1953 Hausautor, dass es sich „im ganzen“ um „die abenteuerliche Geschichte eines Stoffes“ drehe, „der inzwischen die Welt beherrscht, viel Jammer und Reichtum, ungeheure Bewegung verursacht und viel Blut fließen gemacht hat.“ Und er hält gleichsam als Resümee seiner kurzen (damals allerdings nicht veröffentlichten) Rezension fest: „Mit Herz und Verstand und ungeheurem Fleiß hat Vicki Baum Material gesammelt, das nicht bloßes Material geblieben ist, sondern zu einem spannenden Roman verarbeitet wurde.“ (2006 [1954], 385; vgl. hier und im Folgenden auch Jung/Löffler 2022, worauf passagenweise und nicht immer eigens ausgewiesen referiert wird) Bemerkenswert an dieser Besprechung, deren positives Urteil von anderen deutschen und amerikanischen Rezensionen geteilt wird, ist vor allem der Hinweis auf den weltumspannenden Aktionsraum dieses Romans, der die Dialektik eines Prozesses anzeigt: des technologischen Fortschritts in der Behandlung eines Naturstoffs einerseits und den unabsehbaren wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sozialen Folgen andererseits. Ein dialektischer Pendelausschlag, den Baum im ganzen Verlauf ihres weitgespannten, 200 Jahre umfassenden, in vielfacher Hinsicht durchaus als ‚Zeitroman‘ (vgl. Fähnders 1998, 260; Valencia 2006, 249) anzusprechenden Textes verdeutlicht: Armut und Reichtum, brutale Gewalt und Saturiertheit, Elend und maßlose Prasserei.
In ihren 1962 postum erschienenen Memoiren erwähnt Baum den Roman Kautschuk zwar nicht, doch lassen ihre wenigen sporadischen Bemerkungen zur Poetik hier auch Bezüge zu diesem Text zu. So bezeichnet sie sich als eine „geborene[] Realistin“ (Baum 2019, 574), die nur sich selbst vertraut habe. Vor diesem Hintergrund engagierte sie sich auch auf dem Feld des Zeitromans – ohne dabei den Anspruch zu vertreten, so etwas wie ein paradigmatisches Meisterwerk abliefern zu wollen (vgl. Baum 2019, 558). Allerdings hat Baum selbst lebenslang immer wieder auf den Unterschied von anspruchsvoller, seriöser Literatur und Unterhaltungsliteratur hingewiesen. In ihrer Selbsteinschätzung rangiert, was auch die Kritik bestätigt hat, Kautschuk unter dem Siegel ‚ernsthafter‘ Literatur (vgl. Nottelmann 2007, 351; außerdem Landshoff 1991, 103).
Poetologisch bemerkenswert ist Baums kurze Einführung, „Einleitung und Entschuldigung der Verfasserin“ genannt (in der Übersetzung von Fritz und Li Zielesch lediglich „Einleitung und Apologie“), die auf die doppelte Funktion des Textes hinweist: Der Roman wolle „unterhalten“ und „auch ein gewisses Wissen vermitteln“ (7). Deshalb spricht sie von ihrem Text als einer Mischform, einem Hybrid. Im Anschluss verweist sie darauf, dass in ihren Roman ebenso fiktive wie faktenbasierte Elemente eingegangen sind. Ein kurzes Literaturverzeichnis mit Titeln zur Geschichte und Verbreitung des Kautschuks rundet die amerikanische Originalausgabe ab, was allerdings in beiden frühen deutschen Übersetzungen fehlt. So resümiert Baum: „Daher ist dieses Werk nur dann ein Roman, wenn der geneigte Leser bereit ist, Kautschuk als gemeinsamen Nenner, als Helden und Schurken, als Mörder und Opfer, als Ausbeuter und Ausgebeuteten zu akzeptieren, als die Hauptfigur, die die fünfzehn Kapitel dieser Geschichte miteinander verbindet.“ (9) Es geht ihr um die Geschichte eines Stoffes, der als Ware das brutale Gesicht von Eroberung und Exploitation, Kolonialismus und Imperialismus zeigt. Damit stellt der Roman eine „Mischung aus Zivilisations-, Imperialismus- und Kapitalismuskritik“ dar (Loster-Schneider 2002, 283, Anm. 5; ähnlich auch Frank/Scherer 2022, 77) und fordert so seine Leser*innen direkt zur Stellungnahme auf und heraus.
In einigen deutschen Rezensionen ist seinerzeit darauf hingewiesen worden, dass es sich bei Baums Kautschuk-Roman um einen „Tatsachenroman“ handle (Müller 1953; vgl. auch ks 1952; Mn 1952; W. 1953). Dadurch wird – ohne dass es ausdrückliche Hinweise dazu gibt – auf die Tradition des neusachlichen Romans angespielt, in der Baums Text durchaus steht. Denn die Verwandtschaft mit ästhetischen Verfahrensweisen, wie sie Ernst Ottwalt (Denn sie wissen was sie tun 1931) oder Erik Reger (Union der festen Hand 1931) in ihren Romanen vom Ende der Weimarer Republik zeigen, ist deutlich. Allerdings sollte man nicht den Fehler begehen, wie der marxistische Literaturtheoretiker Georg Lukács von einer bloßen Reportage zu sprechen, der die Gestaltung fehle (vgl. Lukács 1971 [1932]) und die mit Béla Balázs eine „bloße[] Registriermaschine[] der Tatsachen“ sei (zit. n. Becker 2000, 397; vgl. dazu auch Pankau 2010, 41f.).
Baums Roman, darauf weist die Autorin nachdrücklich hin, spielt „auf zwei Ebenen – auf der Ebene der Tatsachen und auf der der Fiktion.“ (7) Im Blick auf die Tatsachen, historische und zeitgeschichtliche Sachverhalte, politische Einschätzungen ebenso wie naturwissenschaftlich-technische Zusammenhänge, bezieht sich Baum auf Fremdmaterial, das von der Tagespresse über Sachbücher und wissenschaftliche Untersuchungen bis zu Protokollen, Anhörungen und Vorträgen reicht. Dieses wird teilweise explizit zitiert, so in den als Mottos zu verstehenden Passagen eingangs der Kapitel, die zudem leser- und verstehenslenkende Funktion haben, teilweise referiert Baum auch nur implizit auf Quellen, denen sie sachnotwendige Informationen entnimmt. Sie bedient sich also intertextueller Verfahrensweisen. Um einige Beispiele zu nennen: Für ihr Kapitel 7, das das Sterben des Indigenen Imbitide erzählt, verwendet sie bei Darstellungen von indigenen Traditionen ebenso wie von deren Sprache und Aussehen – bis in die konkreten einzelnen Formulierungen hinein – den Bericht von Walter Ernest Hardenburg mit dem angehängten, bereits 1910 erstellten Report Roger Casements; in Kapitel 8, das in Akron, Ohio spielt und den Aufstieg, Niedergang und Wiederaufstieg eines Gummiunternehmens und Tycoons thematisiert, hat Baum das Sachbuch von Ruth McKenney Industrial Valley (1939) über die Streiks in Akron benutzt ebenso wie auch den regierungsamtlichen Bericht von P. W. Barker über die Gummiproduktion in den USA; in Kapitel 13 bezieht sie sich bei ihrer Darstellung von amerikanischen Senatsanhörungen auf entsprechende Protokolle der Behörden, wobei sie historische Politikerpersönlichkeiten auf fiktive Figuren treffen lässt; hinter Kapitel 14, das die Karriere des (nur vermeintlich fiktiven) Chemikers Jim Clark erzählt, verbirgt sich die Biografie von Dr. William J. Sparks (1905–1976), mit dem Baum in engem Kontakt gestanden hat. Der Roman ist ein Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit, für dessen Verfahrensweise eine kleine Episode pars pro toto stehen mag: Baum lässt die nachweislich ersten Treffen der in Akron gegründeten Anonymen Alkoholiker im Boudoir ihrer Protagonistin Marylou Tyler, einer erfundenen Figur, stattfinden.
Aristoteles hat in seiner Poetik (335 v. Chr.), als er den Kernbegriff der Mimesis entwickelt hat, immer von Möglichkeiten der Wirklichkeit gesprochen (vgl. Jung 2022, 21–24). Damit weist er auf den Sachverhalt hin, dass es bei der Kunst, und vor allem der literarischen, nie um die bloße ‚Widerspiegelung‘ wovon auch immer geht, sondern dass es sich stets um die Darstellung einer (nur) möglichen (erdachten bzw. erfundenen) Wirklichkeit handelt. Dem hätte sich Baum wohl vorbehaltlos angeschlossen, trifft Aristoteles‘ Überzeugung doch ihre poetologischen Ab- und Ansichten, insbesondere in Kautschuk, wonach ihr „panoramische[r] Roman[]“ (9), der sich zudem darum bemüht, „sich in jede Perspektive gleichzeitig einzufühlen“ (Nottelmann 2007, 242; vgl. auch Kauer 2022), im Spiel mit Tatsachen und Fiktionen eine mögliche Wirklichkeit kreiert. Wobei Walter Fähnders durchaus beizupflichten ist, wenn er als ästhetische Innovation von Romanen der Neuen Sachlichkeit insgesamt hervorhebt, dass es um einen „Primat[] der Fakten und der Faktenwiedergabe“ gehe (Fähnders 1998, 261).
Bereits mehrere zeitgenössische Rezensionen der deutschen Übersetzung von 1952 haben zudem die Nähe von Baums Text zu Romanen Karl Aloys Schenzingers festgestellt (u. a. Müller 1953). Ebenso wie dieser weitverbreitete und von der damaligen Leserschaft überaus geschätzte Autor bestelle auch Baum das Feld einer auf Fakten, historischen Zeugnissen und Quellenzeugnissen basierenden Literatur. „Der durch Schenzingers ‚Anilin‘ gegebenen Form des Tatsachenromans folgt hier Vicki Baum bis in die Einzelheiten der typographischen Anordnung“, urteilt etwa der österreichische Literaturkritiker Heinz Rieder (1954). In einem Aufsatz über Schenzinger arbeitet Hans Krah heraus, dass Schenzinger ein Schriftsteller ist, der mit seinem Roman Der Hitlerjunge Quex (1932) einerseits ein „Autor von Texten dezidiert NS-ideologischen Inhalts“, zugleich aber auch als „Autor von sogenannten ‚naturwissenschaftlich-technischen‘ Bestsellerromanen“ wahrgenommen worden ist (2005, 45) – und zudem auch als ein solcher nach dem Krieg in der jungen deutschen Bundesrepublik ungehindert eine zweite Karriere starten konnte: etwa mit den Romanen Atom (1950), Schnelldampfer (1951) oder Bei I. G. Farben (1951). In Anilin beschäftigt sich Schenzinger mit der „Entdeckung der Teerkohlenfarben durch Friedlieb Ferdinand Runge und [der] Entwicklung der deutschen chemischen Industrie“, wobei, wie Krah verdeutlicht, die „Technikgeschichte“ im Mittelpunkt steht (2005, 60; vgl. auch Hahnemann 2007, 141–143). Also „eine eigene Geschichte“, die die Technik und Technologie nicht nur grundsätzlich positiviert, sondern diese darüber hinaus von sozialen Gegebenheiten geradezu ostentativ entkoppelt. Insofern lässt sich das Argument von Gustav Frank und Stefan Scherer nachvollziehen, wonach Schenzingers Roman von 1936 durchaus so etwas wie ein Prätext für Baums Kautschuk gewesen sei bzw. dass Baums ‚Tatsachenroman‘ „als Gegenentwurf“ gelesen werden könne (2022, 78), auch wenn Baum weder explizit (etwa in ihrem Literaturverzeichnis), noch implizit zu Schenzingers Anilin intertextuelle Bezüge erkennen lässt.
Trotz aller Vorlieben Baums für naturwissenschaftliche (insbesondere chemische) Entwicklungen seit ihrem Erfolgsroman stud. chem. Helene Willfüer (1928/29) sowie für technologisch-technikgeschichtliche Aspekte, was gewiss auf die Fortschrittsapologie ihrer Generation zurückgeht, verdeutlicht sie immer zugleich auch die Zusammenhänge mit historischen und gesellschaftlichen bzw. sozialpolitischen Sachverhalten. Eine ‚reine‘ Naturwissenschaft und Technik, also die Darstellung einer ausschließlich immanenten Entwicklung ‚an sich‘, gibt es für sie nicht. Die Vorstellung von dialektischen Prozessen bestimmt vielmehr ihr Weltbild. Deshalb vermag man in ihren Romanen – insbesondere den von ihr besonders geschätzten, ihren ‚ernsthaften‘ Romanen wie Kautschuk oder The Mustard Seed/Kristall im Lehm (1953) – auch Gemeinsamkeiten mit bzw. eine Verwandtschaft zu bestimmten Entwicklungen innerhalb der sozialistisch-realistischen Literatur zu erkennen. Ein Autor wie Ilja Ehrenburg z. B. hat in mehreren Romanen, Das Leben der Autos (1930), Die heiligsten Güter (1931) oder Die Traumfabrik (1931), Momente kapitalistischen Wirtschaftens, die Geschichte der Automobilität, die Konzentration des Kapitals in einem (Zündholz-)Monopol oder die Entstehung der Vergnügungsindustrie in Hollywood thematisiert und darin Darstellungstechniken benutzt, die ein anderer sozialistischer Schriftsteller, der US-Amerikaner Upton Sinclair, in Romanen und Essays (Petroleum 1927, Das Geld schreibt 1930) ebenfalls dazu verwendet hat, um den Fortschrittswahn und die Inhumanität kapitalistischer Gesellschaften samt deren auf den Technikfetischismus abgestimmten Ideologie zu demonstrieren. Diese Nähe von Baum zu Vertretern des sozialistischen Realismus mag nicht zuletzt dafür verantwortlich sein, dass eine Schriftstellerin wie Anna Seghers bei den Debatten 1938 um den Expressionismus, wo es um die Grundlagen einer marxistisch-leninistischen Literatur(politik) in der Sowjetunion wie der gesamten damaligen kommunistischen Internationale gegangen ist, ausdrücklich auf die Romane von Baum hingewiesen hat: eine Autorin, die „sogar schon vor dem Hitlerfaschismus recht ordentliche Sachen geschrieben“ habe und in deren Texten laut Seghers „[e]in ganz guter Brocken Realismus“ stecke (1971 [1938], 352; ähnlich auch schon Weiskopf 1960 [1936], 150f.).
Diese erstaunlichen Kongruenzen und Konvergenzen auf literarhistorischem Gebiet – und damit deutet sich die damalige (wie heutige) Aktualität von Baums Kautschuk-Roman an – rühren möglicherweise daher, dass, wie neuere Forschungsansätze einer kulturwissenschaftlich inspirierten Literaturwissenschaft verdeutlichen können, traditionelle Poetiken mit ihrer strikten gattungspoetologischen Dreiteilung von Epik, Lyrik und Dramatik fragwürdig geworden sind und die Poetik – mindestens – um ein weiteres Gebiet nicht-fiktionaler Literatur erweitert werden muss: In erster Linie um den Essay, der in verschiedensten Zusammenhängen (im Pressewesen oder im Wissenschaftsbetrieb) auftaucht und eine spezifische Ausprägung seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts im „populären Sachbuch“ gefunden hat (vgl. dazu insgesamt etwa Daum 2006). „Gerade das populäre Sachbuch“, schreiben die Herausgeber der Zeitschrift Non Fiktion, „entsteht zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts als Format, das nicht mehr auf die popularisierende Vermittlung von Wissen, sondern auf Unterhaltung setzt. Das populäre Sachbuch verwendet dabei Erzählmuster, die aus der Literatur geborgt sind und die wiederum auf die Literatur zurückwirken. In populären Sachbüchern werden die Geschichten aufbewahrt, mit denen die Kultur sich selbst erzählt. Sachbücher bieten Weltbilder an.“ (Oels u. a. 2006, 9)
Baum spricht exakt diesen Sachverhalt an, wenn sie ihren Roman gleich eingangs, um nochmals ihren poetologischen Vorsatz zu zitieren, als einen Hybriden, eine Mischform bezeichnet. Baums Roman ist zugleich lesbar als seriöse Unterhaltungsliteratur, die ins Gewand des ‚Zeitromans‘ mit weiten historischen Ausgriffen gesteckt ist, wie auch durchaus als populäres Sachbuch über die Geschichte der Kautschukgewinnung und -verarbeitung bis hin zur damals aktuellen Bedeutung des Gummis und seiner Verwendung. Das unterstreichen schließlich zeitgenössische deutsche Besprechungen, die Baums Roman u. a. wegen seiner Mischung aus „nüchternen Tatsachen und Statistiken, Sitzungsberichten und Konferenzprotokollen mit Erfundenem“ rühmen (Mn 1952), dabei die Verbindung von „historischen Tatsachen und wissenschaftlichen Angaben“ hervorheben (ks 1952) oder auch den „großartige[n], spannende[n] Tatsachenbericht“ loben, „in dem sich die Tatsachen und die Erfindungen der Autorin nahtlos ineinanderfügen.“ (Hamann 1953)
In Kapitel 15 lässt Baum „in vier Sätzen“ noch einmal „die ganze Geschichte des Kautschuks“ erzählen, wenn der auf einer Plantage arbeitende niederländische Arzt De Haan dem jungen Ken Morton berichtet: „Die Indianer haben ihn entdeckt. Die Briten haben ihn aus dem Dschungel geholt und Plantagen angelegt. Die Holländer haben das Okulieren entwickelt und die einheimischen Pflanzer darin geschult.“ (701) Diese Geschichte endet dann in der (vorläufigen) Gegenwart, inmitten des Zweiten Weltkriegs, als die Amerikaner ihre Plantagen nur mithilfe von Zerstäubern, also chemischen Waffen, gegen Schädlinge ertragreich gestalten können – und damit wieder auf fatale Weise abhängig sind von der indigenen Bevölkerung, die diese gefährliche ‚Drecksarbeit‘ verrichtet.
Diese Betrachtungsweise kollektiver Prozesse unterscheidet Baum auch gravierend von anderen zeitgenössischen Autor*innen, die zeitgleich wie etwa Wolfgang Jünger, dem jüngeren Bruder von Ernst und Friedrich Georg Jünger, in seiner deutlich als Sachbuch anzusprechenden populären Geschichte des Kautschuks, Kampf um Kautschuk (1937), den heroischen Kampf des Einzelnen um den Naturstoff beschwören. So lauten die letzten Zeilen von Jüngers Text: „Abenteurer, Pflanzer, Spekulanten und Erfinder waren gleicherweise seine Herren und Knechte. […] Doch nicht der Stoff, der Mensch ist Urheber der Schrecknisse gewesen. Denn hier wie überall war es der Einzelne, der die Geschicke lenkte, der seinen Namen in die Tafeln der Geschichte eingegraben hat.“ (Jünger 1940, 197; vgl. auch die Rezension von erm. 1953)
In dem damals überaus populären Spionageroman Kautschuk (1929/30) von Hans Dominik wird erneut dieselbe Thematik behandelt, wobei dieser die Diskussion um die Herstellung von synthetischem Kautschuk verbindet mit einer reißerischen Handlung, in der ‚raffendes amerikanisches Kapital‘ auf weitsichtige, kluge und soziale deutsche Unternehmer und Unternehmen trifft. Am Ende dieses Science-Fiction-Elemente mit denen des Kriminal- und Liebesromans verbindenden Kolportagetextes – die ‚bösen‘ Amerikaner sind überführt, die ‚guten‘ Deutschen in Gestalt einer neuen glücklichen Eheverbindung zwischen einem Chemiker und einer Fabrikantenwitwe zum Happy End versammelt – beschwört Dominik noch ein utopisches Zukunftsbild: „Gigantische Anlagen sollten hier in kürzester Zeit geschaffen werden. Eine Stadt, groß genug, um das Heer von Arbeitern aufzunehmen, würde gleichzeitig aus dem Boden wachsen … Während auf der anderen Seite des Erdballs die unermeßlichen Kautschukplantagen unter der Rodehacke zu Boden sinken, Siedlungen und Häfen veröden mußten.“ (Dominik 1929/30, 283)
Baums Kautschuk bleibt da wesentlich skeptischer.
Werner Jung
Literatur
- Baum 1952 - Vicki Baum: Cahuchu. Strom der Tränen. Übers. v. Fritz und Li Zielesch. Köln und Berlin [1952].
- Baum 2019 - Vicki Baum: Es war alles ganz anders. Erinnerungen [1962]. Köln 22019.
- Becker 2000 - Sabina Becker: Neue Sachlichkeit. Bd. 2: Quellen und Dokumente. Köln u. a. 2000.
- Böll 2006 - Heinrich Böll: Die Tränen des Gummibaums [1954]. In: Ders.: Werke. Kölner Ausgabe. Bd. 7: 1953–1954. Hg. v. Ralf Schnell. Köln 2006, 385f.
- Daum 2006 - Andreas W. Daum: Auf der Suche nach dem verlorenen Autor. Das Sachbuch und seine Verfasser im 19. Jahrhundert. In: Non Fiktion. Arsenal der anderen Gattungen 1, 1, 2006, 11–21.
- Dominik 1929/30 - Hans Dominik: Kautschuk. Berlin 1929/30.
- erm. 1953 - erm.: Weltweite Kämpfe um Kautschuk [Rez.]. In: Die Gummi-Bereifung, 25.1.1953.
- Fähnders 1998 - Walter Fähnders: Avantgarde und Moderne 1890–1933. Stuttgart 1998.
- Frank/Scherer 2022 - Gustav Frank und Stefan Scherer: Umrisse einer Poetik der Globalen Synthese. In: Text + Kritik 235, 2022: Vicki Baum. Hg. v. Julia Bertschik u. a., 71–80.
- Hahnemann 2007 - Andy Hahnemann: Karl Aloys Schenzinger: Anilin. In: Non Fiktion. Arsenal der anderen Gattungen 2, 2, 2007, 141–143.
- Hamann 1953 - Edith Hamann: Romanheld Kautschuk [Rez.]. In: Berliner Telegraf, 8.2.1953.
- Jünger 1940 - Wolfgang Jünger: Kampf um Kautschuk [1937]. Leipzig 1940.
- Jung 2022 - Werner Jung: Poetik. Bielefeld 2022.
- Jung/Löffler 2022 - Werner Jung und Pascal Löffler: Von der Dialektik des Fortschritts. Vicki Baums „Cahuchu“. In: Text + Kritik 235, 2022: Vicki Baum. Hg. v. Julia Bertschik u. a., 53–61.
- Kauer 2022 - Katja Kauer: Populärdiskurs und Ideologiekritik. Die Polyrhythmik in den Werken von Vicki Baum am Beispiel von The Weeping Wood/Cahuchu. Strom der Tränen (1943). In: Peter Weiss Jahrbuch 31, 2022, 57–93.
- Krah 2005 - Hans Krah: Literatur und ‚Modernität‘: das Beispiel Karl Aloys Schenzinger. In: Modern Times? German Literatur And Arts Beyond Political Chronologies. Hg. v. Gustav Frank u. a. Bielefeld 2005, 45–72.
- ks 1952 - ks: Baum- und Menschentränen [Rez.]. In: Darmstädter Echo, 17. 12. 1952.
- Landshoff 1991 - Fritz H. Landshoff: Amsterdam, Keizersgracht 333. Querido Verlag. Erinnerungen eines Verlegers. Mit Briefen und Dokumenten. Berlin und Weimar 1991.
- Loster-Schneider 2002 - Gudrun Loster-Schneider: Exotisches, Vergangenes, Anderes? Nationalkulturelle Differenzerfahrungen in Vicki Baums Roman Kautschuk (1943/1945). In: Erfahrung nach dem Krieg. Autorinnen im Literaturbetrieb 1945–1950. BRD, DDR, Österreich, Schweiz. Hg. v. Christiane Caemmerer u. a. Frankfurt/Main u. a. 2002, 265–286.
- Lukács 1971 - Georg Lukács: Reportage oder Gestaltung? (1932). In: Ders.: Werke. Bd. 4: Probleme des Realismus 1. Essays über Realismus. Neuwied und Berlin 1971.
- Mn 1952 - Mn: Cahuchu, Strom der Tränen [Rez.]. In: Neue Zürcher Zeitung, 9.11.1952.
- Müller 1953 - Wilhelm Müller: Vicki Baum: Cahuchu [Rez.]. In: Bücherei und Bildung 5, 3/4, 1953.
- Nottelmann 2007 - Nicole Nottelmann: Die Karrieren der Vicki Baum. Eine Biographie. Köln 2007.
- Oels u. a. 2006 - David Oels u. a.: Editorial zur ersten Ausgabe. In: Non Fiktion. Arsenal der anderen Gattungen 1, 1, 2006, 5–10.
- Pankau 2010 - Johannes G. Pankau: Einführung in die Literatur der Neuen Sachlichkeit. Darmstadt 2010.
- Rieder 1954 - Heinz Rieder: Vicki Baum, Cahuchu [Rez.]. In: Die Zeit im Buch 1/2, 1954.
- Seghers 1971 - Anna Seghers: [Brief an Georg Lukács] Anna Seghers, 28.6.1938. In: Georg Lukács: Werke. Bd. 4: Probleme des Realismus 1. Essays über Realismus. Neuwied und Berlin 1971, 345–353.
- Valencia 2006 - Heater Valencia: Vicki Baum: ‘A First-Rate Second-Rate Writer’? In: German Novelists of the Weimar Republic. Hg. v. Karl Leydecker. New York 2006, 229–251.
- W. 1953 - W.: [Rez. Cahuchu]. In: Hessische Nachrichten, 7.3.1953.
- Weiskopf 1960 - F. C. Weiskopf: Traum von der Stange (1936). In: Ders.: Über Literatur und Sprache. Berlin 1960, 147–151.
