Kapitalismus als Weltmacht (Kapitel 13–15)

Die letzten drei Kapitel situiert Vicki Baum dann wieder in den USA. Das 13. Kapitel stellt eine Regierungsanhörung in den Mittelpunkt, zu der u. a. der kleine Unternehmer Alfred Hoyt und der große George Tyler, ‚G. T.‘, sowie Randolph Warrens gereist sind – letzterer, um bei dieser Anhörung Rede und Antwort zu stehen, ob es (geheime) Geschäftsabsprachen zwischen der fiktiven amerikanischen USA-Oil und der real existierenden I. G. Farben sowohl vor als auch während des Kriegs gegeben habe. Dabei verweist Warrens darauf, dass sein Konzern, im Unterschied zu Nazi-Deutschland, nur eigene Gelder in die Forschung zu künstlichem Kautschuk gesteckt habe, ohne weitere Regierungsmittel zu erhalten: „Wenn wir, die Industriellen, die Realisten, für das Programm verantwortlich wären, würde es nicht nur aus lauten Engpässen bestehen. In Deutschland wird die Industrie seit 1934 von der Regierung subventioniert; und das ist der Grund, weshalb sie dort schon so weit sind.“ (583f.) Demgegenüber stellt Senator Clark F. Christians, der Vorsitzende des Senatsausschusses, klar, dass es sehr wohl Kartellabsprachen mit Deutschland gegeben habe und er weist auf den zentralen Punkt, die Gewinnmaximierung des Konzerns, hin: „Bei großen Industrieunternehmen wie Ihrem geht es doch immer um den Gewinn, nicht wahr? Wenn Sie Risiken eingehen, dann hoffen Sie, dass Sie das investierte Kapital mit Zinsen zurückbekommen, oder etwa nicht?“ (584)

Baum selbst hat dieses Kapitel wegen seiner brisanten politischen Inhalte, wiewohl sie auf offizielle Dokumente US-amerikanischer Behörden zurückgegriffen hat, laut ihrer Bemerkungen zu The Weeping Wood für das „kitzligste Kapitel“ überhaupt gehalten („the most ticklish chapter of them all“; vgl. VBP, Box 1, Folder 7). Dennoch glaubte sie, dass ihr Kapitel insgesamt der Standard Oil, die hier als USA-Oil firmiert, Gerechtigkeit widerfahren lasse und nichts als die Wahrheit erzähle.

Hinter dem 14. Kapitel verbirgt sich die Lebensgeschichte von Dr. William J. Sparks, dem Erfinder von Butyl – dem Baum im Übrigen auch vorab ihren Text zugeschickt hat (vgl. dazu den Antwortbrief von Meredith Sparks an Baum; VBP, Box 1, Folder 8) – und der bei Baum den Namen Jim Clark trägt. Jim lernt seine spätere Frau Janet beim gemeinsamen Chemiestudium kennen, und beide arbeiten dann als Chemiker, wobei Jim als der kreativere Kopf gemeinsam mit seinem Freund Allen bei der USA-Oil tätig ist. Sie arbeiten an Möglichkeiten, um den Kunstkautschuk zu verbessern und entdecken dabei die Grundlagen für Butanex, was aber zunächst niemand ernst nimmt. Auf Umwegen und nach einem großen Chemiekongress 1938 – exakt 100 Jahre nach Goodyears Erfindung der Kautschukvulkanisation – kehrt Jim mit seiner Familie nach Newark zurück zur USA-Oil. Interessant in diesem Kapitel sind ausführliche Gespräche und Diskussionen zwischen den beiden Freunden Jim und Allen, der, als Kommunist beschimpft und später dann tatsächlich in der Sowjetunion tätig, dafür plädiert, dass die wissenschaftliche Forschung völlig unabhängig von der Industrie zu sein habe, unterstützt allerdings durch staatliche Mittel.

Das 15. und letzte Kapitel verlegt Baum ins Jahr 1942 und nach New York. Ken Morton nimmt an einer Veranstaltung teil, auf der sein alter Freund Piet Gruytgens Junior für die Verdienste im Krieg ausgezeichnet wird. Beide erinnern sich an ihre gemeinsame Zeit auf einer Plantage, während der sich Ken in Piets Freundin, die Tochter des Tropenarztes Dr. De Haan, verliebt und diese dann, nachdem Piet angeblich bei einem Aufenthalt in Rotterdam ums Leben gekommen sein soll, geheiratet hat. Baum beschließt ihre Erzählung während des Zweiten Weltkriegs: Zu den Protagonisten stößt noch Jim Clark sowie der aus Deutschland geflohene Chemiker Hernried und alle spekulieren gemeinsam über die Zukunft der Welt (nach Ende des Kriegs) und die Entwicklung des Kautschuks und seiner Technologie. Dem deutschen Chemiker bleibt es vorbehalten, den Fortschrittsglauben der Amerikaner an eine bessere, wissenschaftlich geprägte und vernünftige Zukunft wieder zu relativieren und Skepsis auszudrücken, die wohl auch diejenige Baums ist:

Diese Amerikaner!, dachte er; wie unreif sie doch sind, mit ihren kindlichen Hoffnungen, ihrem unbefangenen Idealismus und ihrem unwidersprochenen, unbegründeten Optimismus – und doch – wie liebenswert! Sie glauben wirklich an eine bessere Welt; dabei ist es fast ausgeschlossen, dass sie wirklich in der Lage wären, die Welt zu verbessern – einfach weil sie so schlicht, so unwissend, so naiv sind. (729)

Werner Jung

Siglen

  • VBP - Vicki Baum Papers, 1929–1959. M. E. Grenander Special Collections & Archives, University of Albany, State University of New York