Das Joch (1922)

Publikationsgeschichte

Gegenüber dem ersten Zeitschriftenabdruck der Erzählung Das Joch in Velhagen & Klasings Monatsheften (36, 8, April 1922, S. 177–193) ist die Buchfassung des Textes in Vicki Baums Novellensammlung Die andern Tage von 1922 (S. 65–148) in ihren beschreibenden Details ausführlicher und wirkt auch stärker durchkomponiert. So fehlen in der Zeitschriftenpublikation etwa der leitmotivische Einsatz der dann für den gesamten Novellenband titelgebenden Gedichtzeilen über ‚Die andern Tage‘ sowie die strukturierenden Absätze in den imaginierten Aussprachen Frau Giesingers mit ihrem Ehemann bzw. dem Jochhauser. Durch die Absatzgestaltung werden diese Passagen in der Buchfassung deutlicher zum inneren (Theater-)Dialog von Rede und Gegenrede arrangiert, der so an die dramenähnlich angelegte Form der Gespräche zwischen der Protagonistin und Florentin anschließt.

Zwei weitere Buchdrucke, in Baums Novellensammlung Die andern Tage von 1931 (S. 5–73) und in ihrer Novellensammlung Die Strandwache (Köln und Berlin: Kiepenheuer & Witsch 1953, S. 45–115), unterscheiden sich lediglich in zeitspezifisch anders verwendeter Rechtschreibung und Interpunktion.

 

Themen und Strukturen

Vicki Baums Bergsteiger-Geschichte Das Joch ist Anfang des 20. Jahrhunderts in der österreichischen Alpenregion Tirol, im südöstlichen Teil des Karwendelgebirges mit dem Berg Zwölferkopf und dem Höhenrücken Stanser Joch angesiedelt. Die außerdem genannten Berge Rote Nadel, Stella und Marmolata lassen sich im französischen und italienischen Teil der Alpen verorten, die Protagonistin Maja bzw. Helene Giesinger ist aus dem nahe gelegenen München angereist, von wo sie der Ehemann jedes Wochenende besuchen kann. Ähnlich wie in ihrem autobiografisch grundierten, auf Englisch verfassten Roman Marion Alive/Marion lebt (1942) (vgl. Hofeneder 2023) entwirft Baum, selbst eine passionierte Bergwanderin und kritische Bergtouristin (vgl. Nottelmann 2007, 78f.; Baum 2018), damit weniger einen spezifischen Ort des regionalen Patriotismus österreichischer Identität, wie es vor allem die populären Bergfilme der 1920/30er Jahre praktizieren (vgl. Hughes 2010), als einen transnational kombinierten Alpenraum unterschiedlicher Provenienz (unterstrichen wird dies nicht zuletzt auch durch die deutsch-französische Koproduktion der Verfilmung von Baums Erzählung, s. Rezeption und Adaption).

Anders als in ihrem spätem Text Marion lebt schließt Das Joch allerdings sehr viel stärker an die Dualismen der Literatur über den Berg und seine Besteigung an, die als anthropologisches Modell bis auf die Bibel zurückgehen (welche in Ton und Anspielungen auch in Baums Erzählung präsent ist). Zu denken ist hier etwa an die Gegenüberstellung von ‚montes boni‘ und ‚montes mali‘, wie in der Psalmenauslegung des Augustinus, den Baum zu ihren Lieblingsautoren zählt (vgl. Baum 2019, 555), an die Allegorie des ‚richtigen‘ (Lebens-)Wegs zwischen Gut und Böse, wie in der antiken und christlich-abendländischen Tugendlehre (vgl. Regener 2004), oder an den ‚locus amoenus‘, wie in Albrecht von Hallers aufklärerischem Lehrgedicht über die Alpen und ihrer erkenntnisreichen Aussicht von oben; an die kontemplative Außenansicht des ‚Erhabenen‘ wie bei Friedrich Schiller sowie an den Berg als Projektionsfläche des Verdrängten und des ungelebten Lebens bzw. als Schauplatz der physischen und psychischen Selbstkonstitution (vgl. Lughofer 2014).

Das Joch bezieht dabei den Aspekt der heilenden Wirkung auf Lungenkrankheiten mit ein („Habt’s ihr denn jetzt ein Spital da heroben? […] wird die ganze Nacht gehustet?“, 58), wie ihn Thomas Mann 1903 in seiner Sanatoriums-Novelle Tristan entwirft, deren Personal (insbesondere das Ehepaar Klöterjahn in seiner Verbindung aus weiblicher Zart- und männlicher Robustheit) z. T. Parallelen zu Baums Erzählung aufweist, und 1924 schließlich zum Thema seines Zauberberg machen wird. Ein Exemplar dieses Romans befindet sich in Baums Marion lebt dann im Sprechzimmer des Arztes, der den Sohn der Titelfigur behandelt.

Insbesondere Geschlechterfragen erweisen sich am ‚Modell Berg‘ als besonders spannungsreich und werden in Das Joch (wiederum im Unterschied zu Marion lebt; vgl. Hofeneder 2023, 182, Anm. 8) in ein extremes Dualitätsschema aus heroisch-viriler, sportiver Männlichkeit (Florentin) und einer, dem Jahrhundertwende-Typ der ‚Femme fragile‘ verwandten, kränklich-kindlichen Weiblichkeit (Maja/Helene) gefasst – ein Aspekt, der im Zeitschriftenabdruck des Textes durch die Beifügung von zwei (spät)impressionistischen Gemälde-Abbildungen, dem weiblichen Bildnis einer Schlafenden von Leo Freiherrn von König und der Gipfelrast eines männlichen Sportlers von Otto D. Franz, noch unterstützt wird. Bei der Verabschiedung von Baums Figuren wird diese künstlich übersteigerte Form durch einen Parallelismus der am Berg orientierten Gegensätze zwischen Gipfel und Abgrund demonstriert, was bereits nichts Gutes für eine solch antipodisch ausgerichtete Paarbeziehung erahnen lässt: „Das letzte, was sie von ihm sah, war das eckige Kinn, steil emporgestreckt. / Das letzte, was er von ihr sah, war der gesenkte Nacken, über den der blaue Schleier wehte“ (87).

Brief von Vicki Baum an Joseph Caspar Witsch vom [1].01.1953, HAStK-RBA, Best. 1514, A 13, [Bl. 1].

Während Florentin bei seiner Erstbesteigung der Roten Nadel dann einem Blitzschlag zum Opfer fällt, kehrt Maja/Helene in die Tristesse ihres Münchner Lebens zurück – „Ich bin fertig“ (108), lautet ihre letzte Aussage in bezeichnender Mehrdeutigkeit. Allerdings scheint sich zumindest eine Erleichterung vom ‚Joch der Ehe‘ anzukündigen, wie es im „[d]oppelsinn[ig]“ angelegten Titel der Erzählung mit anklingt (Brief Baum an J. C. Witsch, [1].1.1953, HAStK-RBA, Best. 1514, A 13, [Bl. 1]). Denn die kindlich bevormundende Redeweise (‚Fraule‘, ‚Baba‘, ‚Kind‘) ihres durchaus als gutmütig charakterisierten Gatten ändert sich am Schluss in die (auch für die Leser*innen erstmalige) Anrede mit ihrem richtigen Namen ‚Helene‘.

Damit und vor allem mit dem dezidiert undramatisch-alltäglichen Ende („Vor dem Joch hing eine kleine Wolke. Hinter der Roten Nadel zog ein Gewitter auf“, 108), welches die für Bergliteratur eigentlich typische Wendung des Geschehens durch Erkenntnis und Läuterung verweigert, unterscheidet sich Baums Erzählung auch von ihrem möglichen Prätext, Arthur Schnitzlers Tragikomödie Das weite Land (1911). Denn bei Schnitzler führen die sich im Umfeld einer Gipfelbesteigung in den Südtiroler Dolomiten entwickelnden Affären des Glühbirnenfabrikanten Hofreiter und seiner jüngeren, gleichfalls als ‚Kind‘ titulierten Frau Genia am Schluss zum Duelltod des Nebenbuhlers wie zur Trennung Hofreiters von Frau und Geliebter. Als verbindend erweisen sich jedoch die in beiden Texten an den Alpinismus gekoppelte Sehnsucht nach ‚Höhenrausch‘ (vgl. Schnitzler 2002, 94) als Ausbruch aus dem gewohnten, sicheren und zudem als verlogene Täuschung empfundenen (Alltags-)Leben. Das gelingt aber nur teilweise, da die gesellschaftlichen Konventionen der Stadt bereits Einzug in die touristisierte Bergwelt gehalten haben.

Dazu wird der salonfähige Konversationston bei Schnitzler und Baum (ihr Text spricht hier explizit von „Salonantwort“ und „Salonstück“, aber auch von „Sommerfrischengespräch“, 66, 96, 60) durch Momente der Gefühlswahrheit durchbrochen, die bei Baum ans Lyrisch-„Sentimental[e]“ grenzen (Brief Baum an Witsch, [1].1.1953, HAStK-RBA, Best. 1514, A 13, [Bl. 1]). In beiden Texten wird dies durch eine Emphase signalisierende Interpunktion wie durch Satzabbrüche, Pausen, Schweigen unterstützt und nähert Baums häufig durch unmittelbare Dialogszenen (ohne Inquit-Formeln), dafür jedoch mit ‚Regieanweisungen‘ für die Momente der Stille strukturierte Novelle der Form des Dramas an („‚O nein, Fräulein.‘ / Pause. / ‚Ist es heute schön?‘“, 69). Schon Schnitzlers Genia zieht die Aufrichtigkeit solch intensiver Gefühlsäußerungen jedoch in Zweifel, indem sie der befreundeten Schauspielerin eine tragische Lebenseinstellung allein durch den literarischen Einfluss ihrer Bühnenrollen unterstellt (vgl. Schnitzler 2002, 57). Diesen Gedanken entwickelt Baums Erzählung weiter, welche dadurch auch ein Text über die Bedeutung schriftlicher, literarischer und illustrierter Medien ist – ein selbstreflexiver Aspekt, den Baums Text vor allem in der erweiterten Buchfassung (s. Publikationsgeschichte) über das begrenzte Wissen der Figuren hinweg an die Leser*innen adressiert.

So haben Bilder, Bücher und vor allem Theateraufführungen der Protagonistin von Kindheit an ein großartiges, intensives Leben „vorgemacht“ (64), während sie sich selbst permanent vor „einem geschlossenen Vorhang“ befand (77), wie es theatermetaphorisch heißt, und zwar in ihrem Liebesbrief an Florentin. Der bekommt ihn, im Unterschied zu den Leser*innen, jedoch nie zu sehen. Denn interessant und (bislang) literaturwürdig sei, so der anschließende Erzählkommentar, eher die unglückliche Liebe. Insofern behalten, zumindest in der Buchversion von Baums Text, auch Maurice Maeterlincks melancholische Gedichtzeilen über die herbeigesehnten ‚andern Tage‘ am Ende recht, die in der letzten Strophe – vergeblich – eine Befreiung aus dem verschlossenen, künstlich beleuchteten (Lebens-)Raum in die sonnenhelle Natur verheißen. Im Unterschied zu Maeterlincks Fin de Siècle-Gedicht Vous avez allumé les lampes (1891 erstmals unter dem deutschsprachigen Titel Lied in der Literaturzeitschrift La Conque erschienen, 1906 ins Deutsche übersetzt von K. L. Ammer und Friedrich von Oppeln-Bronikowski) finden diese Ausnahmetage bei Baum zwar statt. Sie sind aber als flüchtige, in impressionistisch kurzen Abschnitten vom übrigen Text isolierten Momentaufnahmen einer Ferienepisode zweier Liebender, die sich mit selbst gewählten Namen ansprechen, bewusst außerhalb der Alltagsrealität angesiedelt und nicht auf Dauer gestellt, was schon die zeitgenössische Rezension von Helene Tuschak betont (Neues Wiener Abendblatt, 20.3.1923).

Und sogar hier orientiert sich Maja/Helene weiterhin an literarischen (Vor-)Bildern: Maeterlincks Gedicht dient ihr zunächst als Negativfolie zu ihrem eigenen Liebesglück, welches sie außerdem (allerdings in signifikant falscher, auf den Tod Jesu verweisender Lektüre-Erinnerung) mit einem Zitat aus dem Hohelied der Bibel krönen möchte. Schließlich bleibt ihr aber nur das prosaische Medium der Zeitung, wo sie den ihr unbekannt gebliebenen Namen des Geliebten „unter: Opfer der Berge“ (106) aufgelistet finden kann. Florentin hingegen tröstet sich kurz vor seinem Tod durch die Erinnerung an Inhalt und Formulierung eines Satzes „aus dem Lesebuch“ (91) über die Schnelligkeit und Schmerzlosigkeit des Sterbens durch Blitzschlag und imaginierte sich zuvor schon als Bergsteiger mit gespreizten Armen und Beinen an der Felswand, wie ein typisches „Bild aus den touristischen Zeitschriften“ (84, ein Zusatz, der im Textabdruck von Velhagen & Klasings Monatsheften noch fehlte). Nicht nur die Euphorie der Liebe, sondern auch die Todeserfahrung der Gipfelbesteigung erweisen sich als bereits diskursiv besetzte, literarisierte und medialisierte Phänomene aus zweiter Hand, wie sie dann in den literarischen Alpen(gegen)entwürfen von Ödön von Horváth oder Elfriede Jelinek weiter zugespitzt werden (vgl. Vejvar 2014; Ortner 2014).

Rezeption und Adaption

Zeitgenössische Rezensionen der Novellensammlung von 1922 verblieben indes auf der Ebene des Erzählungsplots, wenn sie Das Joch als „sommerliche alpine Tragödie“ (Wiegler 1923) bzw. als „wundersam, feingestaltete Liebesgeschichte“ (Freud 1923) hervorheben. Im Zuge der Heimatfilmwelle der 1950er Jahre wurde Baums bereits mit visuellen Effekten operierender Text in einer (west)deutsch-französischen Koproduktion unter der Regie von Emil Edwin Reinert in damaliger Starbesetzung, mit O. W. Fischer als Florian (d. i. Florentin), Aglaja Schmid als Maja und Axel von Ambesser als ihr Ehemann, verfilmt. Am Drehbuch arbeitete der Bestsellerautor Johannes Mario Simmel mit, die Außenaufnahmen entstanden in den bayerischen Alpen, was in der zeitgenössischen Filmkritik als besonders gelungen hervorgehoben wird (vgl. str. 1953). Während der Arbeitstitel zunächst noch Die anderen [!] Tage lautete, kam der Film unter dem deutschen Originaltitel Verträumte Tage und dem französischen Verleihtitel L’aiguille rouge (bezogen auf den Gebirgszug der Roten Nadeln in den französischen Alpen) in die Kinos (deutsche Premiere: 17.8.1951 in Köln; die französische Fassung startete schon am 7.6.1951 in eigener Besetzung).

  Julia Bertschik

Flughafen München-Riem, Team der Schauspieler, Produzenten und des Regisseurs: O. W. Fischer, Aglaja Schmid, Michèle Philippe, Michel Auclair, Axel von Ambesser, Produktionsleitung: Fritz Fuhrmann (de), Paul Edmond (fr), Regie: Emil Edwin Reinert; Schnäggli, 1950. CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons.

 

Siglen

  • HAStK-RBA - Historisches Archiv der Stadt Köln, Kiepenheuer & Witsch-Nachlass

 

Literatur

  • Baum 2018 - Vicki Baum: Ankunft im Gebirge [1930]. In: Dies.: Makkaroni in der Dämmerung. Feuilletons. Hg. v. Veronika Hofeneder. Wien 2018, 186–189.
  • Baum 2019 - Vicki Baum: Es war alles ganz anders. Erinnerungen [1962]. Köln 22019.
  • Freud 1923 - Margrit Freud: Zwei Bücher von Frauen. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Morgen-Ausgabe, 22.7.1923, 4. Beiblatt.
  • Hofeneder 2023 - Veronika Hofeneder: Crevasses and Magic Mountains: Alpine Discourse in Vicki Baum’s Marion lebt (Marion Alive, 1942). In: The Draw of the Alps. Alpine Summits and Borderlands in Modern German-speaking Culture. Hg. v. Richard McClelland. Berlin und Boston 2023, 179–188.
  • Hughes 2010 - Jon Hughes: Austria and the Alps. Introduction. In: Austrian Studies 18, 2010: Austria and the Alps. Hg. v. Judith Beniston u. a., 1–13.
  • Lughofer 2014 - Johann Georg Lughofer (Hg.): Das Erschreiben der Berge. Die Alpen in der deutschsprachigen Literatur. Innsbruck 2014.
  • Nottelmann 2007 - Nicole Nottelmann: Die Karrieren der Vicki Baum. Eine Biographie. Köln 2007.
  • Ortner 2014 - Jessica Ortner: Die Alpen als „Berg von Leichen und Schmerz“ – Erinnerung und Dialog im literarischen Raum Elfriede Jelineks. In: Das Erschreiben der Berge. Die Alpen in der deutschsprachigen Literatur. Hg. v. Johann Georg Lughofer. Innsbruck 2014, 241–251.
  • Regener 2004 - Ursula Regener: Ascendere in montem. Berge oder die Grenzen des kulturellen Determinismus. In: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 2004, 1–26.
  • Schnitzler 2002 - Arthur Schnitzler: Das weite Land. Tragikomödie in fünf Akten. Hg. v. Reinhard Urbach. Stuttgart 2002.
  • str. 1953 - str.: Verträumte Tage [Rez.]. In: Der Bund 104, 349, 30.7.1953, 4.
  • Tuschak 1923 - Helene Tuschak: Die andern Tage [Rez.]. In: Neues Wiener Abendblatt, 20.3.1923, 4.
  • Vejvar 2014 - Martin Vejvar: „... wie der Kitsch die seinerzeit geborstene Erdkruste nennt.“ Die Alpen bei Ödön von Horváth. In: Das Erschreiben der Berge. Die Alpen in der deutschsprachigen Literatur. Hg. v. Johann Georg Lughofer. Innsbruck 2014, 205–218.
  • Wiegler 1923 - Paul Wiegler: Zehn Bücher des Monats. In: Prager Tagblatt, 28.1.1923, [20].