Imperialistische Entwicklungen (Kapitel 6–12)

Nach dem Siegeszug des Plantagen- über den Wildkautschuk kommt es zu einer geografischen Verschiebung; das Amazonasgebiet ist nicht länger lukrativ, stattdessen sind große Plantagen auf Sumatra angelegt worden. Auf einer solchen spielt die Geschichte des sechsten Kapitels, die Vicki Baum aus der Perspektive des niederländischen Arztes De Haan erzählt, der auf der Plantage von Piet und Jane Gruytgens beschäftigt ist. Man schreibt das Jahr 1938, und es wird von einem Besuch der englischen Schwiegereltern berichtet und damit Gelegenheit geboten, ausführlich in Gesprächen über die Situation auf den Plantagen, über Armut, Krankheit und Ausbeutung der ‚Kulis‘ Auskunft zu geben. Dr. De Haan sinniert „über das Problem der Ausbeutung der Eingeborenen“ (258), muss aber lapidar-pragmatisch feststellen, dass diese eine ökonomische Frage von Angebot und Nachfrage ist: „Solange die Welt Kautschuk braucht, bekommt sie ihn, und zwar unter allen Umständen. Aber wer sich einen Satz Autoreifen kauft, denkt keinen Augenblick darüber nach, wie viel Blut, Schweiß und Folter der Kautschuk die Arbeiter in den Plantage oder im Dschungel gekostet hat.“ (258) Einer dieser ‚Kulis‘ ist Hassan, der bereits Frau und Kinder verloren hat und der, nachdem sein einziges Eigentum, ein altes Fahrrad, von einem brutalen Aufseher zerstört worden ist, in einem Amoklauf Piet Gruytgens mit einem Messerstich tödlich verletzt.

Cover der Londoner Zeitschrift "Truth" (1909), die 1877 vom Diplomaten und Politiker Henry Du Pré Labouchère gegründet wurde. Im Jahr 1909 veröffentlichte die Zeitschrift die mehrteilige Reportage "The devil’s paradise" über die Verbrechen der Peruvian Amazon Company (S. 663-669 / S. 719-726 / S. 781-783).

Das Zeitalter der Mobilität ist mit dem Aufkommen des Automobils Anfang des 20. Jahrhunderts angebrochen – zur selben Zeit liegt in einer Hütte in Peru der Indianer Imbitide im Sterben, Sohn eines Häuptlings, dessen kurze Lebensgeschichte Baum im siebten Kapitel erzählt und zugleich damit die Ausrottung der indigenen Bevölkerung thematisiert, darunter – historisch belegt – die Huitoto und verwandte Stämme durch die verbrecherische Peruvian Amazon Rubber Company, wobei sich Baum auf Material der Londoner Zeitschrift Truth und den Bericht des US-amerikanischen Ingenieurs Walter E. Hardenburg (1886–1942) bezieht, die über die Massaker berichtet haben (Hardenburg 1912). In einem längeren inneren Monolog Imbitides lässt Baum die Verbrechen der Weißen, der sogenannten ‚Racionales‘, an der indigenen Bevölkerung deutlich werden:

Die Racionales schlagen ihnen mit ihren Macheten die Köpfe ab; sie fallen herunter wie Kokosnüsse […]. Die Racionales laden uns alle Jebe, die wir in den drei Monden gesammelt haben, auf den Rücken und treiben uns den langen Weg nach La Chorrera. Wir gehen, wir gehen, wir gehen. Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter. Wir gehen. Wir essen nicht, wir trinken nicht, wir gehen. (285)

In zeitlicher Parallelität bewegt sich hierzu dann das achte Kapitel, das für Baum den zweiten Teil einleitet, worin die Lebensgeschichte des in der Automobilindustrie beschäftigten Arbeiters Jim Morton aus der Perspektive eines Freundes berichtet wird; zugleich entwickelt sich Jims Stiefsohn Ken vom achtjährigen Knirps bis zum jungen Erwachsenen, an dem der Patriarch des Unternehmens, George Tyler, der große ‚G. T.‘, Gefallen findet und der für den Alten zu etwas wie einem Vertrauten wird. Darin verwoben sind Aufstieg, Niedergang und erneuter Aufstieg der Gummiunternehmen in Akron, Ohio, weiterhin Arbeitskämpfe und Aussperrungen, die Gründung von Gewerkschaften sowie die Einführung des Fließbands und der Akkordarbeit, die Jim Morton am Ende das Leben kosten. Auf der Zeitleiste geht Baums neuntes Kapitel, das der Biografie George Tylers gewidmet ist, wieder zurück ans Ende des 19. Jahrhunderts, als dieser 1896 in die Familie Sherman einheiratet und mit dem Unternehmen Summit Rubber unaufhaltsam Karriere macht. Nachdem der erste Sohn ebenso wie auch seine Frau früh verstorben sind, heiratet Tyler erneut, Marylou Warrens, die einen Bruder hat, Randolph M. Warrens. Gemeinsam haben sie einen Sohn, Maxwell Randolph, einen späteren Physiker. Nach einer geschäftlichen Krise, die Tyler zunächst in die Abhängigkeit seines Schwagers bringt, erholt sich das Unternehmen Anfang der 1920er Jahre wieder, der Zeit, als Tyler den Jungen Ken kennenlernt, ihn fördert und im Unternehmen unterbringt, bis Ken bei einem Streik mit dem Alten bricht, da er als Angehöriger des Werkschutzes seinen eigenen Vater bespitzeln soll. Schließlich erleidet G. T. einen leichten Schlaganfall.

Kapitel zehn spielt am Tag von Hitlers Kriegserklärung am 1.9.1939, dem Tag, an dem der amerikanische Wissenschaftler Maxwell Tyler als Physiker und Mathematiker im brasilianischen Dschungel magnetische Messungen vornehmen soll; im Mittelpunkt des ganzen Kapitels steht das Gespräch, das Maxwell mit seiner Zufallsbekanntschaft Enrique führt und in dem der Niedergang des brasilianischen Kautschukgeschäfts nach 1913 beklagt wird – eingelagert in diese Erzählungen sind noch Rückblicke auf eineinhalb Jahrhunderte Kautschukproduktion bis zu den Anfängen von Pater Anselmus. Aber auch die Kriegsbegeisterung der brasilianischen Arbeiter wird gezeigt, die darauf hoffen, dass durch den Krieg die Arbeit auf den Feldern wieder verstärkt wird:

„[…] Krieg! Arriba la guerra! Arriba! Sie werden Kautschuk brauchen, viel Kautschuk; sie werden jeden Preis zahlen, zehn Milreis das Kilo, zwanzig Milreis; wir werden reich, sehr reich, sehr, sehr reich. […]“
Sind sie verrückt oder bin ich es?, fragte sich Tyler, während er verständnislos und fremd die Menschen anstarrte, die außer sich vor Freude waren. Ebensowenig wie man einen Schnellzug mit bloßen Händen aufhalten konnte, konnte man diese halbverhungerte, besessene Schar bei ihrer Jagd nach der alten Schimäre aufhalten. (467)

Werbung von Buna: Synthetischer Kautschuk aus Kohle und Kalk- Koralle 48/1936. Public domain via Wikimedia commons. Buna-S wurde von den deutschen Chemikern Walter Bock (1895–1948) und Eduard Tschunkur (1874–1946) bei den I. G. Farben in Leverkusen entwickelt.

In Kapitel elf finden die Luftangriffe auf die I. G. Farben in Ludwigshafen zwischen 1941 und 1942 statt. Protagonist ist der deutsche Chemiker Hernried, der sich dem antifaschistischen Widerstand angeschlossen und eine Methode entwickelt hat, mittels derer Sabotageakte im Buna-S-Werk durchgeführt werden können. Die SS vermutet ihn jedoch als Drahtzieher und holt ihn nächtens zu Verhören ab; nach einem schweren Bombenangriff gelingt ihm aber die Flucht. Auf einen weiteren Aspekt des möglichen antifaschistischen Widerstands weist Baum im zwölften Kapitel hin, das in Libyen spielt und eine deutsche Lastwageneinheit auf dem Weg von Benghasi nach Fort Capuzzo vorführt. Ein geplatzter Reifen stoppt die Kolonne, und es stellt sich heraus, dass die aus synthetischem Kautschuk hergestellten Reifen manipuliert worden und also nicht fahrtauglich sind. Der ganze zurückgebliebene Tross kommt folglich durch Luftangriffe um. Baum nutzt diese Geschichte, um anhand der verschiedenen Charaktere – überzeugte Nazis und bloße Mitläufer, alte Militärs und Nazi-Gegner – auch widersprüchliche und gegensätzliche Ideologien zu demonstrieren (vgl. Kauer 2022, 93).

Werner Jung

Literatur

  • Hardenburg 1912 - Walter Ernest Hardenburg: The Putumayo, the devil’s paradise: travels in the Peruvian Amazon region and an account of the atrocities committed upon the Indians therein. London 1912.
  • Kauer 2022 - Katja Kauer: Populärdiskurs und Ideologiekritik. Die Polyrhythmik in den Werken von Vicki Baum am Beispiel von The Weeping Wood/Cahuchu. Strom der Tränen (1943). In: Peter Weiss Jahrbuch 31, 2022, 57–93.