Rezeption
Leben ohne Geheimnis gehört zu den sowohl von der Literaturwissenschaft als auch von der zeitgenössischen Presse wenig rezipierten Romanen Vicki Baums. Eine Rolle spielt dabei wohl der Umstand, dass der Roman Ende 1932 in Deutschland erschien, d. h. knapp vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die Baum als ‚Asphaltliteratin‘ diskreditierten und ihre Bücher wenig später verbrannten. Fast alle deutschsprachigen Rezensionen stammen daher aus dem Dezember 1932; einige erschienen in lokalen Tageszeitungen (u. a. der Literaturbeilage des Karlsruher Tagblatts am 12.12.1932, in den Innsbrucker Nachrichten am 16.12.1932, in der Linzer Tages-Post am 20.12.1932 und in der Alpenländischen Rundschau am 31.12.1932). Wortgleich – die Rezensionen beruhen wohl auf einem Pressetext oder der Aussendung einer Presseagentur – wird in wenigen Sätzen die Filmproduktionswelt Hollywoods aus der Perspektive des Romans geschildert, wobei zum Beleg der Authentizität dieser Ausführungen hervorgehoben wird, dass Baum selbst in Hollywood war und die Filmindustrie kennenlernte: „Vicki Baum hat dieses nach außen glanzvolle Leben gesehen und durchschaut“, heißt es da, „[s]ie kennt die Traumfabrik des Films und mit sicherem Blick hat sie Schicksale erfaßt, die für den oberflächlichen Betrachter überblendet werden von dem Glanz des Ruhms und der Propaganda.“ (ll 1930; Jo–es 1932; Anonym 1932c, 10; Anonym 1932b) Bemerkenswert ist die Bezeichnung des Textes als „wahrhaftes Dokument unserer Zeit“ (Anonym 1932c, 10; Anonym 1932b) in der Lokalpresse wie der Linzer Tages-Post und der Alpenländischen Rundschau als Indikator dafür, dass die Kenntnis von Hollywood bereits überallhin vorgedrungen ist.
Ausführlicher ist die Rezension des österreichischen Schriftstellers und Journalisten Kurt Sonnenfeld in der Neuen Freien Presse im selben Monat. Im Abschnitt „Bücher für den Weihnachtstisch“ wird u. a. Leben ohne Geheimnis vorgestellt; der größte Teil der Rezension befasst sich mit einer Nacherzählung der ersten Szene von Baums Roman, schließt aber noch lobender als die Kurzrezensionen zuvor: „Die stürmische Vehemenz, die man an ihren ‚Menschen im Hotel‘ liebte, findet man in diesem Hollywood-Buch beinahe noch gesteigert.“ Bezeichnend ist das vermeintliche Kompliment, mit dem der Text schließt: „Mit beinahe männlicher Kraft schiebt diese Frau Kulissen beiseite und ein entgöttertes Hollywood ragt fahl in künstlichem Licht.“ (Sonnenfeld 1932)
Einen Bezug zu real existierenden Persönlichkeiten stellt die kinematografische österreichische Wochenzeitung Mein Film für ein Publikum mit spezialisierterem Interesse in einer kurzen Erwähnung des Romans her – zu Rudolph Valentino (als Vorbild für Oliver Dent) und Pola Negri (Donka Morescu) (vgl. Anonym 1932a). Wie in den anderen Rezensionen wird auch hier insistiert, dass Baums Aufenthalt in Hollywood eine Realitätsnähe verbürge (auch Nicole Nottelmann liest Leben ohne Geheimnis als Schlüsselroman; vgl. Nottelmann 2002, 203–205). Einen ganz anderen Fokus wiederum legt die Besprechung des Romans im Sozialdemokrat, dem Sozialdemokratischen Zentralorgan der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik im Jänner 1933: Im Mittelpunkt des Interesses stehen hier, wenig überraschend, die ökonomisch unlauteren Methoden der Filmproduktionsfirmen, als deren „scharfsichtige Beobachterin“ (r 1933) Baum dargestellt wird.
Explizit negative Besprechungen des Romans im deutschsprachigen Raum sind rar. Im Neuen Wiener Abendblatt nimmt der österreichische Journalist Adelbert Muhr im März 1933 zunächst auch Bezug auf mögliche reale Vorbilder für Oliver und Donka und schlägt als Alternativtitel „Die letzten Tage Rudolph Valentinos“ vor. Er zitiert Stellen aus dem Roman, die eine Kritik an der Filmindustrie darstellen, und fügt hinzu:
Sehr gut. Aber mit Verlaub, Vicki Baum: So wie Sie hier die Filmproduktion kritisieren, so muß auch Ihr Roman kritisiert werden. Die Kleinigkeiten, die nebensächlichen Details des Mosaiks sind „vollkommen richtig“, aber das Große, das Ganze, die Komposition: „unecht…, alles, alles, nicht wie es ist, sondern wie man es sich vorstellt“; denn auch Sie arbeiten, um wieder bei Ihren eigenen Worten zu bleiben, „für ein anonymes Riesenwesen mit Standardgehirnen“. (Muhr 1933)
Mit seinem Urteil ordnet er den Roman schließlich in die Trivialliteratur-Kategorie ein und gibt sich in Bezug darauf versöhnlicher: Es handle sich um einen „typische[n], übrigens gut geschriebene[n] Unterhaltungsroman“ (Muhr 1933). Ganz anders wird im Februar 1933 in den Westfälischen Neuesten Nachrichten geurteilt, wo Baum in einer Rezension auch ganz direkt angegriffen und verunglimpft wird: „Mit Wollust schöpft sie den Schmutzkübel bis zum Grunde leer, um den Inhalt über Hunderttausende auszugießen“. Ein „Zeitdokument“ sieht dieser Rezensent im Roman explizit nicht, es handle sich weder um „unsere Zeit“ noch um „unsere Menschen“ (db 1933). Die wenige Wochen nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler erschienene Rezension bestätigt das schnelle Voranschreiten kulturkonservativer und modernitätsfeindlicher Tendenzen in der deutschen Presse (vgl. auch den Kommentar zur Rezeption von Menschen im Hotel) und zeigt die dort verbreitete Meinung auf, dass Baum als jüdische ‚Großstadt‘- oder ‚Asphaltliteratin‘ „mit ihren seichten Sensationsromanen die deutsche Kultur ruiniere“ (Wittstock 2021, 108).
Im Unterschied zu den Rezensionen in deutschsprachigen Medien wird in den englischsprachigen Rezensionen unterstrichen, dass es sich gerade nicht um eine wirklichkeitsgetreue Abbildung Hollywoods handle (vgl. u. a. Anonym 1934a; Mosher 1934); der Autorin wird in einer Rezension in der New York Times Book Review aus dem Februar 1934 Verbitterung unterstellt (vgl. Anonym 1934a) bzw. in der Saturday Review of Literature (Mosher 1934) das Fehlen von Humor. Hervorgehoben wird auch mehrfach, dass der Roman gegenüber Menschen im Hotel abfalle (u. a. in der Saturday Review; vgl. Anonym 1934b), der 1931 noch auf der US-Jahresbestsellerliste gelandet war (vgl. Nottelmann 2007, 183). Wenig Positives an Leben ohne Geheimnis findet auch der britische Schriftsteller Graham Greene im britischen Nachrichtenmagazin The Spectator, wenn er Baum eher „entertainment purveyor“ als „novelist“ nennt; „Miss Vicki Baum’s novel hovers uneasily between satire and sentiment. Or is it charity to believe that any of it is intended satirically?“ Und weiter: „Miss Baum’s latest novel is cosmopolitan in the worst sense. English sentiment, German sentiment, American sentiment, all mingle in Falling Star“ (Greene 1934).
Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive und weitaus nuancierter befasste sich hingegen Andrea Capovilla mit dem Begriff des ‚Kosmopolitischen‘ in Baums Werk (vgl. Capovilla 2000). In mehreren Studien untersuchte sie vor allem Fragen des Filmischen u. a. in Leben ohne Geheimnis (vgl. Capovilla 1994, 91f.; Capovilla 2022) und der weiblichen Identitätskonstruktion (vgl. Capovilla 2004, bes. 99–116). Weitere umfangreichere Studien stammen von Nicole Nottelmann (2002, 196–233) und Gerd-Peter Rutz (2000, 56–91).
Baum greift zu Beginn der 1930er Jahre ganz aktuelle Diskurse in der Umbruchphase vom Stummfilm zum Tonfilm auf: den Film als neues Massenprodukt, die Anfänge der ‚Celebrity Culture‘, die Selbstvermarktung der Stars mit der Ausschlachtung des Privatlebens für PR-Zwecke der Kulturindustrie mit ihrer Fankultur. Sie stellt Hollywood als Sehnsuchtstopos dar, in welchem ihre Figuren in unterschiedlichen Stadien der Desillusionierung agieren und konfrontiert sie mit der kapitalistischen Profitgier der Filmproduktionsfirmen; sie zeigt, dass sexuelle Ausbeutung schon um 1930 in der Filmbranche allgegenwärtig war. Mit filmaffinen Erzählmitteln (vgl. Capovilla 2022, 47) – manche Beschreibungen erinnern geradezu an Kamerafahrten – führt sie vor, wie sich die Figuren im Spiel von Schein und Wirklichkeit, zwischen „Identitätskonstruktion und -verlust“ (Capovilla 2004, 105) verhalten. So kann Leben ohne Geheimnis heute als Momentaufnahme von Hollywood um 1930 als „mythische[m] Ort der Moderne“ (Capovilla 2004, 100) rezipiert werden.
Laura Tezarek
Literatur
- Anonym 1932a - Anonym: Meine Filmpost. In: Mein Film 345, 1932, 16.
- Anonym 1932b - Anonym: Vicki Baum: „Leben ohne Geheimnis“ [Rez.]. In: Alpenländische Rundschau, 31.12.1932, [Umschlagsrückseite].
- Anonym 1932c - Anonym: Vicki Baum: „Leben ohne Geheimnis“ [Rez.]. In: Tages-Post, 20.12.1932, 9f.
- Anonym 1934a - Anonym: Miss Baum’s Hollywood. In: The New York Times Book Review, 18.2.1934.
- Anonym 1934b - Anonym: Some Novels for the Library. In: The Saturday Review 4104, 157, 23.6.1934, 738.
- Capovilla 1994 - Andrea Capovilla: Der lebendige Schatten. Film in der Literatur bis 1938. Wien u. a. 1994.
- Capovilla 2000 - Andrea Capovilla: Kosmopolitisches Heimweh. Anregungen zu einer neuen Lektüre Vicki Baums. In: Cosmopolitans in the Modern World. Studies on a Theme in German and Austrian Literary Culture. Hg. v. Suzane Kirkbright. München 2000, 113–126.
- Capovilla 2004 - Andrea Capovilla: Entwürfe weiblicher Identität in der Moderne. Milena Jesenská, Vicki Baum, Gina Kaus, Alice Rühle-Gerstel. Studien zu Leben und Werk. Oldenburg 2004.
- Capovilla 2022 - Andrea Capovilla: Vicki Baum und der Film. In: Text + Kritik 235, 2022: Vicki Baum. Hg. v. Julia Bertschik u. a., 45–52.
- db 1933 - db: Vicki Baum. Leben ohne Geheimnis [Rez.]. In: Westfälische Neueste Nachrichten, 23.2.1933, 14.
- Greene 1934 - Graham Greene: Fiction. In: The Spectator 152, 1.6.1934, 864.
- Jo–es 1932 - Jo–es: Literatur. „Leben ohne Geheimnis“ [Rez.]. In: Innsbrucker Nachrichten, 16.12.1932, 6.
- ll 1930 - ll: Vicki Baum, „Leben ohne Geheimnis“ [Rez.]. In: Literatur-Beilage des Karlsruher Tagblatts, 12.12.1932, 1.
- Mosher 1934 - John C. Mosher: The Celluloid Athens. In: The Saturday Review of Literature 10, 31, 24.2.1934, 505.
- Muhr 1933 - Adelbert Muhr: Vicki Baum: „Leben ohne Geheimnis“ [Rez.]. In: Neues Wiener Abendblatt, 24.3.1933, 5.
- Nottelmann 2002 - Nicole Nottelmann: Strategien des Erfolgs. Narratologische Analysen exemplarischer Romane Vicki Baums. Würzburg 2002.
- Nottelmann 2007 - Nicole Nottelmann: Die Karrieren der Vicki Baum. Eine Biographie. Köln 2007.
- r 1933 - r: Literatur. „Leben ohne Geheimnis“ [Rez.]. In: Sozialdemokrat. Sozialdemokratisches Zentralorgan der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik, 19.1.1933, 8.
- Rutz 2000 - Gerd-Peter Rutz: Darstellungen von Film in literarischen Fiktionen der zwanziger und dreißiger Jahre. Münster und Hamburg 2000.
- Sonnenfeld 1932 - Kurt Sonnenfeld: Bücher für den Weihnachtstisch. Drei moderne Erzählerinnen. In: Neue Freie Presse, 24.12.2024, 8.
- Wittstock 2021 - Uwe Wittstock: Februar 33. Der Winter der Literatur. München 2021.
