Menschen im Hotel. Ein Kolportageroman mit Hintergründen (1929)

Vicki Baums 1929 erschienener Roman begründete ihren Weltruhm und ermöglichte ihr und ihrer Familie 1932 die frühzeitige Emigration in die USA.

In einem Luxushotel treffen Gäste aufeinander, die unterschiedliche und widersprüchliche Zeit(geist)strömungen Ende der 1920er Jahre repräsentieren: der Hochstapler Baron Gaigern und die altmodische Balletttänzerin Grusinskaja, die Privatsekretärin mit Filmstar-Ambitionen Flämmchen und der todkranke Buchhalter aus der Provinz Kringelein, der betrügerische Geschäftsmann und biedere Familienvater Preysing sowie der morphinsüchtige Arzt und zynische Invalide aus dem Ersten Weltkrieg Otternschlag.

Dem fragmentarisch-flüchtigen Neben- und Miteinander des urbanen Hotellebens erweist sich die multiperspektivische Form der ‚group novel‘ in Kombination mit einer Collage unterschiedlicher Erzählgenres zwischen neusachlichem, filmisch erzähltem Großstadtroman, Kriminalgeschichte, Enthüllungsroman, Romanze und Melodrama adäquat.

Wie im anonym bleibenden Titel bereits annonciert, ist der eigentliche ‚Held‘ weniger eine einzelne Figur als der Ort des Geschehens selbst: das Hotel als Mikrokosmos des modernen, kosmopolitischen Großstadtlebens – ein beliebter Topos in Literatur und Film der Zwischenkriegszeit, der von Baum zwar nicht erfunden, jedoch international verbreitet worden ist.

Der ironische Untertitel sollte bewusst Aspekte trivialer Unterhaltungsliteratur thematisieren, die selbstreflexiv in den Text eingeflossen sind. Sein weitgehender Wegfall ermöglichte indes eine Rezeptionsgeschichte, in welcher statt der von Baum geplanten Demontage zeitgenössischer Kolportageliteratur diese lange Zeit selbst im Mittelpunkt des Interesses stand.

Julia Bertschik