Facts and Fiction – Wissenschaft und Verjüngungsrummel

Realitätsbezug, Tatsachenpoetik und Faktenpräferenz sind Grundpfeiler der neusachlichen Ästhetik, in deren Kontext Vicki Baums Texte aus den 1920er und 1930er Jahren entstehen und der sie sich selbst auch poetologisch zugehörig fühlte. In stud. chem. Helene Willfüer bedient sich Baum verschiedener Gattungsformen und kombiniert Elemente aus Entwicklungs-, Wissenschafts-, Justiz- und Briefroman, Romanze sowie dem Märchen. Gemäß den literarischen Usancen der Frühen Moderne ist insbesondere (natur)wissenschaftliches Wissen im Roman äußerst präsent und wird durch die Verknüpfung von Fakten und Fiktion popularisiert sowie (neu) funktionalisiert.

"Aufgeschlagen liegt neben jedem Studenten der Gattermann, dieser alleswissende, allesberatende Gattermann, nach welchem experimentiert wird." (28) – Ludwig Gattermann: Die Praxis des organischen Chemikers (1894). Public domain via Wikimedia Commons.

So wird im Gegensatz zu den konkreten Ortsbezeichnungen Frankfurt oder München „die alte Universitätsstadt“ (18) Heidelberg im Roman nicht namentlich genannt, sondern ist nur durch zahlreiche tatsächlich belegbare topografische Hinweise wie Schloss, Fluss, Marstall, die alte „Alma mater“ (186), den Königstuhl (einen der Hausberge Heidelbergs), die nahe gelegene Ortschaft Gaiberg und konkrete Straßennamen wie Kornmarkt oder Bergstraße dechiffrierbar. Daneben gibt es aber auch einige möglicherweise fiktive Orte, wie z. B. das angeblich bei Hannover gelegene (nicht ermittelbare) Brunsdorf, in dem Helene in der Apotheke arbeitet, oder unbestimmt bleibende Orte wie den genauen Standort der Süddeutschen Chemiewerke, die Helene anheuern, oder ein Ausflugsziel an der ligurischen Küste (die Erstausgabe hat ‚Portosino‘, die BIZ ‚Porto fino‘ – es gibt allerdings nur einen Ort in Ligurien namens Portofino). Genauso verhält es sich auch bei wissenschaftlichen Inhalten aus Medizin und (Bio-)Chemie, wo Baum tatsächliche Namen von Personen- und Fachzeitschriften, Entdeckungen, Verfahren und Formeln mit erfundenen Elementen kombiniert: Neben den real existierenden Koryphäen Theodor Billroth, Marie Curie, Ludwig Gattermann, Ferdinand Henrich oder Eugen Steinach werden auch Verdienste fiktiver Wissenschaftler wie Ortmann (der in Straßburg eine Methode gefunden haben soll, um Fisteln der Ohrspeicheldrüse zu verschließen, vgl. 95) oder Köbellin im Bereich der Endokrinologie genannt und als Referenzen herangezogen. Die im Roman durchgeführten (bio)chemischen Experimente und angewandten Verfahren sind zumeist genau recherchiert und entsprechen Forschungsstand und wissenschaftlicher Praxis der 1920er Jahre; allerdings sind einige chemische Formeln nicht eindeutig bestimmbar und entstammen vermutlich Baums Fiktion. Gut 15 Jahre später widmet Baum der Faszination für Laborbetrieb und chemische Experimente – nun mit Fokus auf die Gummiproduktion – ein ganzes Kapitel ihres Romans Kautschuk (dt. 1945, 14. Kapitel „Amerikanisches Wandbild“).

Eugen Steinach (1861–1944), österreichischer Physiologe. Public domain via Wikimedia Commons.

Das Verjüngungsmittel Vitalin, das nicht nur Ambrosius’ Lebenskraft wiedererweckt, sondern als „magische[r] Trunk“ (Nottelmann 2002, 94) auch zur Vereinigung des Liebespaares führt, erscheint zwar „reichlich kolportagehaft und phantastisch“ (Lukas 2005, 520), ist allerdings medizingeschichtlich real verortet. Baum hatte auch zur zeitgenössischen Verjüngungsforschung ausführliche Recherchen angestellt und im Selbstversuch getestet: In Erfahrungen mit der Verjüngung beschreibt sie ihre Behandlungen mit Hormonspritze, Diathermie (einer Behandlung mit hochfrequentem Wechselstrom) sowie Injektionen von Presssäften aus verschiedenen Tierdrüsen (vgl. Baum 1927). Als versierte Erzählerin überantwortet Baum dieses populär(kulturell)e Wissen allerdings nicht einer übergeordneten Erzählinstanz, sondern integriert es im Roman als Handlungselement zwanglos ins Figurenleben, hier in jenes ihrer Protagonistin Helene (vgl. für diese Erzählhaltung auch in anderen Texten Baums Frank/Scherer 2022, 76 und Podewski 2022, bes. 7–9).

Die Verjüngung war seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ein großes Thema in der Medizin und fest mit dem Namen Eugen Steinach verbunden, einem berühmten Wiener Physiologen, der von Zeitgenoss*innen in einem Atemzug mit Sigmund Freud und Albert Einstein genannt wurde und auch namentlich in Baums Roman und Artikel vorkommt. Nach Steinach sollte durch die Neubelebung der alternden ‚Pubertätsdrüse‘ eine künstliche ‚zweite Pubertät‘ herbeigeführt werden. Die Reaktivierung der Pubertätsdrüse erfolgte durch verschiedene Therapien, wie z. B. Transplantationen von tierischen oder menschlichen Keimdrüsen bzw. die Vasoligatur, der Abbindung des Samenleiters beim Mann (für die Steinach berühmt geworden war und die auch Baum in ihrem Artikel beschreibt). Steinach hatte in vorangegangenen Tierversuchen beobachtet, dass durch die Zerstörung des spermien- bzw. follikelproduzierenden Gewebes in den Geschlechtsdrüsen – also einer Sterilisation –, eine Vermehrung des hormonproduzierenden Gewebes eintrete und vermehrt Sexualhormone ausgeschüttet würden, die die erwünschte (Re-)Aktivierung des menschlichen Organismus bewirken sollen. (vgl. Walch 2016, 77–140)

Progynon, Wellcome Library, London. CC BY 4.0 via Wikimedia Commons.

Die Idee der Verjüngung durch eine künstliche ‚zweite Pubertät‘ geht wiederum auf eine lebensideologische Denkfigur der Epoche zurück, die auch in der zeitgenössischen Soziologie z. B. bei Georg Simmel oder C. G. Jung zu finden ist, oder in literarischen Texten, die von Lebenskrisen alternder Figuren und deren Versuchen, ein jugendliches und erotisch erfülltes Leben wieder zu erleben, erzählt (als wohl eines der prominentesten Beispiele kann Thomas Manns Novelle Tod in Venedig [1912] gelten, auf die auch Baums Novelle Der letzte Tag [1922] Bezug nimmt). 1922 lief Der Steinach Film in Deutschland an und wurde zum Kultfilm der Weimarer Republik. ‚Sich steinachen lassen‘ wurde ein geflügeltes Wort und ein häufiger Eingriff, den auch berühmte Patient*innen bei sich vornehmen ließen, so z. B. Freud (der sich dadurch eine Linderung seines Krebsleidens versprach), oder der zur ‚Therapie‘ von z. B. Homosexualität eingesetzt wurde. Wenn die Revitalisierung von Ambrosius dann nicht durch die Steinach’sche Operation, sondern durch ein Medikament erfolgt, entspricht dies wiederum eher der medizinhistorischen Realität der 1920er Jahre, die weg von der Vasoligatur hin zur synthetischen Herstellung vitalisierender Hormone geführt hat (vgl. Lukas 2005, 520–524). So war auch Steinach selbst an der Entwicklung des Sexualhormonpräparates Progynon der Berliner Pharmafirma Schering beteiligt, das als Verjüngungsmittel lanciert wurde (vgl. Walch 2016, 143–226).

Veronika Hofeneder

Literatur

  • Baum 1927 - Vicki Baum: Erfahrungen mit der Verjüngung. Ein Rundgang durch die Laboratorien einer neuen Wissenschaft. In: Uhu 4, 3, Dezember 1927, 32–41.
  • Frank/Scherer 2022 - Gustav Frank und Stefan Scherer: Umrisse einer Poetik der Globalen Synthese. In: Text + Kritik 235, 2022: Vicki Baum. Hg. v. Julia Bertschik u. a., 71–80.
  • Lukas 2005 - Wolfgang Lukas: Hormon und Geschlecht. Zur Funktionalisierung von Wissenschaft in Vicki Baums Erfolgsroman stud. chem. Helene Willfüer. In: Abweichende Lebensläufe, poetische Ordnungen. Für Volker Hoffmann. Hg. v. Thomas Betz und Franziska Mayer. Bd. 2. München 2005, 497–531.
  • Nottelmann 2002 - Nicole Nottelmann: Strategien des Erfolgs. Narratologische Analysen exemplarischer Romane Vicki Baums. Würzburg 2002.
  • Podewski 2022 - Madleen Podewski: Vor dem Durchbruch. Vicki Baums frühe Erzähltexte. In: Text + Kritik 235, 2022: Vicki Baum. Hg. v. Julia Bertschik u. a., 3–10.
  • Walch 2016 - Sonja Walch: Triebe, Reize und Signale. Eugen Steinachs Physiologie der Sexualhormone. Vom biologischen Konzept zum Pharmapräparat, 1894–1938. Wien u. a. 2016.