Stereotype vs. Konzepte jüdischer Identität
Stereotype vs. Konzepte jüdischer Identität
Trotz der kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus reproduzieren einige Romanfiguren sowie Marion selbst Stereotype über Jüdinnen und Juden, zu denen vor allem körperliche Merkmale wie das „Paar brennender jüdischer Augen“ des Arztes Dr. Blumenthal (171) sowie die Nase von Dr. Konrad zählen, der von seinem Kollegen Dr. Lanzhof auch als der „verflixte kleine Jude“ (618) oder von Michael als das „häßlichste Stinktier von einem Jüdlein“ (653) bezeichnet wird. Das Aussehen des Arztes, der aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Wien geflohen war und seinen Namen zu Kohn geändert hatte, kommentiert Michael folgendermaßen: „‚Wenn er sich den Namen hat ändern lassen, so hätte er sich gleichzeitig auch die Nase richten lassen sollen‘“ (620).
Aber nicht nur Michael, dessen nationalsozialistische Überzeugung explizit thematisiert und problematisiert wird, sondern auch Marion begegnet jüdischen Menschen nicht vorurteilsfrei: Beim Besuch von Fritz Halban, den sie bereits in der Redaktion in Bergheim als „kleine[n] jüdische[n] Bücherwurm“ (308) bezeichnet hat, und der mittlerweile als Flieger im Ersten Weltkrieg bekannt geworden ist, fasst sie die antisemitischen Vorurteile ihrer Schwägerin Irmgard Klappholz zusammen: „Die Juden waren in den Augen der Familie Klappholz unsauber, sie wuschen sich nicht ordentlich, sie waren Betrüger und hatten einen eigentümlichen Geruch.“ (317) Ohne aktiv Partei für Fritz Halban und seinen Vetter Manfred zu ergreifen, versucht sie im Gespräch mit der Schwägerin zwar, deren Ansichten zu ignorieren, der antisemitischen Ablehnung kann Halban trotz seiner Leistungen jedoch nicht entkommen.
Obwohl sich Marion antisemitischen Ressentiments gegenüber distanziert zeigt, ist ihre Sprache an manchen Stellen von völkischen Ideologien geprägt, wenn sie z. B. von jüdischen „Rassenmerkmale[n]“ (319) spricht und die Anpassungsfähigkeit ihres Sohnes Michael auf seine jüdische Abstammung, von einer „Chamäleonrasse, die leicht jede Schutzfärbung annimmt“ (528), zurückführt. Im Gespräch, das später der wohnungssuchende Manfred Halban mit Marion führt, ist wiederum ein weiter gefasstes Konzept jüdischer Identität zu finden:
„Aber ich bin ja kein Jude“, sagte er.
„Oh – verzeihen Sie – ich dachte, da Sie Fritzens Vetter sind –“ stotterte ich. „Nur weil meine Eltern Juden waren, muss ich doch nicht auch Jude sein, oder?“ antwortete er heftig. „Ich bin getauft und als Katholik erzogen; wollen Sie meinen Taufschein sehn?“ (319)
Ambivalent lesen sich heute Textstellen, die spekulative Mutmaßungen über das Verhalten und den Charakter von Jüdinnen und Juden anstellen: Im Gespräch mit Clara berichtet Marion über die Entscheidung Michaels, der nichts von seiner halbjüdischen Abstammung weiß, den Nazis beizutreten. Daraufhin meint Clara: „Wie viele Juden, glaubst du, würden nicht gerne Nazis sein? Es fasziniert sie, es ist romantisch und theatralisch. Wie die Wagnersche Musik.“ (480) Marions Feststellung, dass Manfred Halban selbst antisemitisch eingestellt sei, und ihr Fazit, „kein Antisemitismus ist so grimmig und bissig wie der zwischen Juden und Juden“ (320), hat eine Rezension des Romans, die 1952 in der Zeitschrift Neue Welt und Judenstaat erschienen ist, daher vor dem Hintergrund der Verbrechen des Holocaust besonders kritisch hervorgehoben (vgl. Anonym 1952). Eine detaillierte literaturwissenschaftliche Analyse der Antisemitismusdiskurse in Marion lebt hat bisher noch nicht stattgefunden; bemerkenswert dabei ist jedenfalls Baums ambivalenter Zugang zu diesem Thema, der sich durch die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Stimmen, Sichtweisen und Argumentationen sowie ironischer Elemente auszeichnet (so z. B. Marions Kommentar zu den Frauen, die mit kosmetischen Mitteln versuchen, das arische Frauenideal zu erfüllen).
Dass rassistische Vorurteile nicht auf die jüdische Bevölkerung beschränkt sind, sondern auch andere Personengruppen betreffen, wird anhand weiterer Romanfiguren illustriert. Die Tochter des Dienstmädchens Anna, die im Haus der Familie Balbi tätig ist, wird nach einer Affäre mit dem Schwarzen Soldaten Achmed schwanger. Das Aussehen des Kindes, das anknüpfend an rassistische Diskussionen am Ende des Ersten Weltkriegs, die sich gegen die Schwarzen Besatzungssoldaten Frankreichs richteten, im Text mehrfach als ‚schwarze Schmach‘ diffamiert wird, kommentiert Clara folgendermaßen: „Ich glaube, schwarzes und weißes Blut mischen sich nicht besonders gut.“ (384) Auch Claras Bezeichnung von Achmed als „Rassenschänder“, der zwar „höchst dekorativ, aber nicht eine Spur arisch“ (631) sei, nimmt die nationalsozialistische rassistische Sprache auf.
Vicki Baum, die in einem assimilierten jüdischen Elternhaus in Wien aufgewachsen ist, war selbst damit konfrontiert, als Jüdin bezeichnet zu werden, was sie 1931 in einem Interview für The American Jewish World von sich wies:
„You see, I am an editor with the Ullstein Verlag. The Ullsteins also descend from Jews. But in Germany we don’t make a fuss about such affiliations, which should be purely religious. I am not religious, so I do not consider myself a Jewess – nor have I been accepted as such.“ (Mayer 1931)
In den 1930er Jahren wurde Baum in Deutschland jedoch diffamiert (vgl. Capovilla 2004, 67), ihre Bücher wurden 1933 in Deutschland verboten und verbrannt. In Marion lebt werden die nationalsozialistischen Bücherverbrennungen explizit erwähnt, so enthält die Bibliothek des Arztes Dr. Lanzhof viele Bücher, „die vor ein paar Jahren verboten und verbrannt worden waren.“ (591) Die Thematisierung von Konzentrationslagern, Bücherverbrennung, Gewalt und Verfolgung unter dem NS-Regime weist Marion lebt als frühe literarische Verarbeitung des Holocausts aus und zeigt durch die politische Dimension eine bislang noch wenig beleuchtete Seite der bislang als eher unpolitisch geltenden Autorin. Die Auseinandersetzung mit dem Judentum knüpft über die biografische Ebene hinaus zudem an frühere Texte Baums an, wie die schon lange vor dem Holocaust publizierte Novelle Raffael Gutmann (1922 [1911]), die sich als Ghettogeschichte den jüdischen Lebensbedingungen, Lebensweisen und Traditionen widmet.
Desiree Hebenstreit
Literatur
- Anonym 1952 - Anonym: Vicki Baum: Marion [Rez.]. In: Neue Welt und Judenstaat, Mai/Juni 1952.
- Capovilla 2004 - Andrea Capovilla: Entwürfe weiblicher Identität in der Moderne. Milena Jesenská, Vicki Baum, Gina Kaus, Alice Rühle-Gerstel. Studien zu Leben und Werk. Oldenburg 2004.
- Mayer 1931 - Julius Mayer: The German Edna Ferber. A Strange Interview with Vicki Baum, Author of “Grand Hotel”. In: The American Jewish World, 1.5.1931, 11.
