Kontrastierende Geschlechterbilder
Marion lebt verhandelt und hinterfragt gesellschaftliche Normen und geschlechtsspezifische Handlungsmuster in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dass Mädchen nach der Absolvierung der Pflichtschule keine weitere schulische Ausbildung erhielten, war Anfang des 20. Jahrhunderts die Regel. 1892 wurde in Wien ein erstes Mädchengymnasium gegründet, das aber nicht zur Aufnahme an die Universität berechtigte. Die 1900 in Österreich eingeführten Mädchenlyzeen fokussierten auf vermeintlich geschlechtsspezifische Fertigkeiten (Sprachen, Musik, Handarbeit), während Berufsschulen zur Ausbildung typischer Frauenberufe wie Fürsorgerinnen, Erzieherinnen oder Hausgehilfinnen dienten. (vgl. Fischer-Kowalski 1986)
Marions Mutter hält vor der wohlhabenden Verwandtschaft ein Plädoyer für die Ausbildung ihrer Tochter als Musikerin, die sie als Zukunftschance begreift. Nachdem die Mutter die Finanzierung sichergestellt hat, beginnt Marion ihr Studium am Wiener Konservatorium, das stark von männlichen Vorbildern wie Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven sowie patriarchalen Machtstrukturen geprägt ist. Das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülerinnen, die „ewig in Beziehungen, in Flirts und Liebesgeschichten verwickelt“ (75) sind, ist auch eines der sexuellen Abhängigkeiten. Als Marion Opfer eines sexuellen Übergriffs wird, erträgt sie den Kuss des wesentlich älteren Dirigenten Kant mit Ekel und Schrecken. In Marions Reflexionen vermischen sich ihre persönlichen Erlebnisse z. T. mit verallgemeinernden, durchaus sexistisch geprägten Aussagen. Wenn sie später das Lebensgefühl der 1920er Jahre vor den feministischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts kommentiert, steht weniger die gesamtgesellschaftliche Entwicklung im Vordergrund als ihre individuelle Suche nach dem Lebensglück: „Man gab uns das Recht zu studieren, in jedem Beruf tätig zu sein, und man gab uns das Wahlrecht. Ich kann auch jetzt noch nicht sehen, daß es uns weitergebracht, uns glücklicher gemacht oder uns mehr Einfluß verschafft hat, als unsere Mütter besaßen“ (446).
Marions Karriere als Musikerin endet nach einem Zugunfall, bei dem ihre Geige zerstört wird und sie sich das Handgelenk verletzt. Danach folgt sie einer klar geschlechtsspezifisch konnotierten beruflichen Option, sie tritt „in eine Handelsschule ein, um einfache Buchhaltung, Stenographie und Maschinenschreiben zu lernen.“ (172) Damit bereitet sie sich vor, „eine von Millionen Stenotypistinnen zu werden“ (172) – einer der ab 1918 in Deutschland häufigsten Angestelltenberufe, der Frauen aus unterschiedlichen sozialen Schichten offenstand (vgl. Frevert 1984 und 1988). Als Marion in der Redaktion einer sozialistischen Zeitschrift eine Stelle annimmt, erfährt sie eine Politisierung und damit eine Weiterentwicklung ihres Charakters: In diesem Umfeld interessiert sie sich nun auch für politische Anliegen der Arbeiterklasse. Im Hinblick auf ihre private Situation endet die Episode hingegen reichlich klassisch, indem Marion ihren Chef, den Zeitschriftenherausgeber Walter Brandt, heiratet. Die Rolle als Verliebte kommentiert sie dabei mit ironischer Selbstkritik: „Eine schöne Genossin ist aus dir geworden, Marion, sagte ich mir. Jetzt bist du eben eine von der Million Privatsekretärinnen, die in ihren Chef verliebt sind und versuchen, es sich nicht anmerken zu lassen …“ (222). Im Unterschied zu anderen Baum’schen Frauenfiguren, die den Typus der berufstätigen Neuen Frau der 1920er Jahre verkörpern – wie z. B. die Stenotypistin Flämmchen in Menschen im Hotel (1929) oder die Protagonistin aus stud. chem. Helene Willfüer (1928/29) – bleiben Marions berufliche und soziale Rollen im Verlauf der Handlung jedoch nicht konstant, sondern sind in ständigem Wandel begriffen. Erst als freie Künstlerin, die Holzfiguren schnitzt, findet sie ihre Berufung: „Mein Geigenspiel war eine qualvolle, vergebliche Anstrengung gewesen. Meine Versuche als Sekretärin waren dilettantisch geblieben. Meine soziale Arbeit war mehr Flucht gewesen als sonst etwas. Aber das hier war etwas, für das ich bestimmt war.“ (422)
Interessant sind auch die Perspektiven, die Vicki Baums Texte auf die Geschlechterverhältnisse in Paarbeziehungen richten. Während Nicole Streitler-Kastberger gezeigt hat, wie Baums Romane soziale Rollenwechsel von Männern thematisieren, die sich von berufstätigen Frauen aushalten lassen (vgl. Streitler-Kastberger 2022), ist in Marion lebt die Ehe Marions mit Kurt Tillmann von einer klassischen Rollenverteilung geprägt, wenn er ihr die Arbeit in der Fürsorgeanstalt verbieten will. Hier lässt sich eine Parallele zu Baums Biografie ziehen, die der Ehe mit Richard Lert zuliebe ihre Karriere als Musikerin aufgegeben hatte, was Lert als Bedingung für die Eheschließung gefordert hatte (vgl. Baum 2019, 365). Marions Lohnarbeit kommt mit familiären Interessen in Konflikt, nachdem bei ihrem Sohn Martin eine Filzlaus am Auge entdeckt wird und ein Streit über die vermeintliche Vernachlässigung des Kindes entsteht. Marion willigt ein, die Arbeit aufzugeben und zu Tillmanns Familie nach Hahnenstadt zu ziehen, doch nicht nur der Umzug nach Norddeutschland erscheint ihr „als würde man in einem phantastischen Projektil auf den Mond geschossen“ (306), sondern auch die neue Anrede mit dem vermeintlich „anständiger[em]“ (309) Namen ‚Maria‘ verstört die junge Frau. Dennoch bewahrt sich Marion ihre kritische Unabhängigkeit: „Innerlich blieb ich Marion Sommer. Aber äußerlich wurde ich zu Maria Tillmann“ (309). Erst viele Jahre später, in der Ehe mit dem Amerikaner John Sprague ist die lebenserfahrenere und gereiftere Marion in der Lage, geschlechtsspezifische Rollenbilder zu reflektieren und ihre Vorstellung einer guten Ehe zu artikulieren: „Ich hatte allen Ernstes davon geträumt, sein Kamerad und Kompagnon zu werden.“ (507) Damit kontert sie selbstbewusst Johns traditionalistische Auffassung von einer Art „Ein-Frauen-Harem, willig und bereit ihn zu unterhalten und nicht viel zu fragen.“ (507)
Trotz dieser sehr unterschiedlichen Auffassungen über ihre zukünftige Beziehung zeigt sich Marion später mit der Geborgenheit in der Ehe zufrieden, die traditionellen Rollenmustern folgt: John konzentriert sich ganz auf seine Arbeit und die Firma – personifiziert als ‚Dinky‘ –, mit der er quasi verheiratet ist. Ganz ähnlich hat Baum dieses Rollenmuster 1932 bereits in ihrem Essay Ich entdecke Amerika beschrieben, in dem sie den typischen Amerikaner charakterisiert: „Er mag seine Frau, aber verliebt ist er in sein Geschäft.“ (Baum 2018, 279) Im Roman führt die Konstellation zu einer Art Dreiecksbeziehung des Paares als „ménage à trois“ (506), die sowohl John als auch Marion zu schaffen macht. Jener erscheint die Firma als „großes, schönes, überwältigendes Geschöpf“ (509) oder als „verzwickte und komplizierte Kreatur“ (526).
An anderen Stellen werden die traditionellen geschlechtsspezifischen Rollenmuster allerdings durchbrochen, so z. B. bei der Darstellung von Marions Unabhängigkeit, die sie als alleinerziehende Mutter erlebt. Außerdem erzählt der Text die Geschichten von starken Frauen und ihren Netzwerken. So verbindet Marion und ihre Freundin Clara, die sie seit ihrer Jugend kennt, eine enge Freundschaft. Clara ist eine unabhängige und widerständige Tänzerin, die nicht nur gegen die strengen Konventionen des Balletts rebelliert, sondern prinzipiell in ihrem Leben eigene Wege sucht. Sie kümmert sich um Marions kaputtes Handgelenk und motiviert sie, sich als Stenotypistin zu bewerben. Auch bei der Geburt von Marions erstem Sohn ist die verlässliche Freundin – „mein[] Felsen von Gibraltar“ (288) – mit dabei. Als sich die beiden Freundinnen 1922 wiedertreffen, verkörpert Clara mit Kurzhaarschnitt die Neue Frau der 1920er Jahre, die in Beruf und Privatleben unabhängig ist und lesbischen Beziehungen offen gegenübersteht. Ebenso bestärkt Marions Freundschaft zur Hessischen Großherzogin Zuche-Bergheim ihre Handlungsmacht: Die Großherzogin unterstützt Marion im Kampf gegen den von ihrem Ehemann Kurt Tillmann geforderten Rückzug aus dem Beruf und kann sich etwas später kraft dieses Netzwerks gegen die Vereinnahmung ihrer Verwandten wehren.
Baums Auseinandersetzung mit Wissenschafts- und Hygienediskursen ist auch in Marion lebt präsent. Wichtige naturwissenschaftliche Entdeckungen (wie z. B. Hormone, Vitamine), die im 20. Jahrhundert den Zugang zu Körper und Sexualität veränderten, die Entwicklung medizinischer Testverfahren und Behandlungsmöglichkeiten für zahlreiche Krankheiten (wie z. B. Geschlechtskrankheiten, Tuberkulose) sowie psychoanalytische Erkenntnisse werden – häufig kommentiert aus der Figurenperspektive – in den Text integriert. Marions Feststellung der Tatsache, dass die Entdeckung des Kautschuk auch zur Produktion von Verhütungsmitteln geführt hat und damit den Frauen die Kontrolle über den eigenen Körper ermöglicht, schreibt sowohl Baums Engagement für grundlegende feministische Forderungen fort (vgl. dazu auch den Kommentar zu stud. chem. Helene Willfüer) und ist gleichzeitig ein poetologisches Statement: „Der kleine Gummibaum half Selbstmorde und Kindesmorde verhindern, wandte viel Elend ab und bereitete dem ältesten, abgedroschensten Stoff der Literatur ein klares Ende.“ (447)
Desiree Hebenstreit
Literatur
- Baum 2018 - Vicki Baum: Ich entdecke Amerika [1932]. In: Dies.: Makkaroni in der Dämmerung. Feuilletons. Hg. v. Veronika Hofeneder. Wien 2018, 265–281.
- Baum 2019 - Vicki Baum: Es war alles ganz anders. Erinnerungen. Köln 22019.
- Fischer-Kowalski 1986 - Marina Fischer-Kowalski: Von den Tugenden der Weiblichkeit. Mädchen und Frauen im österreichischen Bildungssystem. Wien 1986.
- Frevert 1984 - Ute Frevert: Vom Klavier zur Schreibmaschine – Weiblicher Arbeitsmarkt und Rollenzuweisungen am Beispiel der weiblichen Angestellten in der Weimarer Republik. In: Frauen in der Geschichte I. Frauenrechte und die gesellschaftliche Arbeit der Frauen im Wandel. Fachwissenschaftliche und fachdidaktische Studien zur Geschichte der Frauen. Hg. v. Annette Kuhn und Gerhard Schneider. Düsseldorf 31984, 82–112.
- Frevert 1988 - Ute Frevert: Kunstseidener Glanz. Weibliche Angestellte. In: Neue Frauen. Die zwanziger Jahre. Hg. v. Kristine von Soden und Maruta Schmidt. Berlin 1988, 5–31.
- Streitler-Kastberger 2022 - Nicole Streitler-Kastberger: Geschlechter, Waren, Räume. Vicki Baum, die Neue Frau und der Neue Mann in Hotel, Schönheitssalon und Warenhaus. In: Text + Kritik 235, 2022: Vicki Baum. Hg. v. Julia Bertschik u. a., 36–44.
