Der Sittich (1931)
Der Sittich (1931)
Publikationsgeschichte und Rezeption
Neben dem ersten Buchdruck von Der Sittich in Vicki Baums Novellensammlung Die andern Tage von 1931 (S. 243–280) existiert ein weiterer Abdruck in ihrer Novellensammlung Die Strandwache (Köln und Berlin: Kiepenheuer & Witsch 1953, S. 117–156). Letzterer unterscheidet sich nur unwesentlich vom Erstdruck (v. a.: Korrektur von Druckfehlern, Anpassung an andere Kommasetzung und anderes Seitenlayout).
Die deutlichste Änderung besteht in der Streichung der ursprünglich vorangestellten Widmung an den deutschen Dirigenten und Komponisten Wilhelm Furtwängler (1886–1954) „zum Dank / für eine Haydn-Symphonie“. Furtwängler ist in den 1920er Jahren u. a. in Berlin als Chefdirigent tätig gewesen, wo ab 1928 auch Baums Ehemann Richard Lert als Gastdirigent beschäftigt war. Das Tasteninstrument Klavichord des österreichischen Komponisten Joseph Haydn (1732–1809) erwähnt Baum zudem in ihren Erinnerungen, da es in den Archiven im Erdgeschoss des Wiener Konservatoriums stand, wo sie von 1901 bis 1904 ein Harfenstudium absolvierte (vgl. Baum 2019, 181).
Baum selbst hielt ihre Novelle Der Sittich auch später noch für „das [unleserlich]reinste meiner Produkte“ (Brief Baum an J. C. Witsch, 29.3.1952, HAStK-RBA, Best. 1514, A 8, [Bl. 1]). Besondere Aufmerksamkeit erhielt der Text allerdings nicht, lediglich eine Rezension in den Hessischen Nachrichten über Baums Sammlung Die Strandwache vom 7.11.1953 erwähnt ihn explizit als „Studie im altdeutschen Volksbuchstil“ (W. P. 1953).
Themen und Strukturen
Mit Der Sittich liegt ein Beispiel für historisches Erzählen vor, dem sich Vicki Baum nicht nur in ihren Erzählungen gelegentlich widmet, sondern auch in ihrem in der Goethezeit spielenden historischen Roman Headless Angel (1948; dt. Clarinda [1949] bzw. Kopfloser Engel. Eine Liebe in Mexiko [2000]), welcher zudem die Figur eines sprechenden Papageienvogels wieder aufnimmt. Häufig werden einzelne historische Passagen (z. T. als Erinnerungen) darüber hinaus in Baums Romane integriert.
Für Der Sittich wählte Baum die nicht näher spezifizierte Zeit des späten Mittelalters (gegen Ende der Pestepidemie Mitte des 14. Jahrhunderts), deren Atmosphäre durch archaisierende, allerdings unterschiedlichen Jahrhunderten zugehörige Sprachformen, einen legendenhaften Gestus, historische Gegenstände und Begrifflichkeiten sowie soziokulturelle Gegebenheiten der damaligen Ständegesellschaft vermittelt wird. Im Zentrum steht eine nicht näher lokalisierte Stadt im deutschsprachigen Raum (die Namen Staudigl und Fierhake lassen sich sowohl süddeutsch/österreichisch wie norddeutsch verorten) und ihre Konfrontation mit einer Faszination wie Ablehnung hervorrufenden, umherziehenden Gauklertruppe. Diese kann durch Aussehen und Namensgebung (Rosita, Giaccino) südeuropäisch gelesen werden.
Die eheliche Notgemeinschaft von zwei, gleichermaßen durch Gerede und Vorurteile stigmatisierten Außenseitern (ein häufiges Motiv bei Baum) im ausgegrenzten Bereich vor den Toren der Stadt – es handelt sich um den eigentlich zum Tode verurteilten, recht- und ehrlosen Gaukler Giaccino und die alternde, körperlich beschädigte, jedoch selbstbewusste Witwe Katharina Schaffnerin – erfüllt den Kinderwunsch der bald darauf an der Pest sterbenden Frau und führt zur Sesshaftigkeit des nun Jakob Schaffner genannten Bauern und seines Sohnes.
Das vordergründige Happy End gelungener Anpassung, ja ‚erdhafter Verwurzelung‘, ebenso wie die Hegemonie christlicher Religion über magieverdächtige Praktiken („Zauberei und Teufelskunst“, 289), weist der Text jedoch als zwiespältig aus. Denn das Ende geht zum einen mit dem Tod des titelgebenden Papageienvogels einher, der als ständiger Begleiter und Kommunikationspartner als eine Art ‚gefährliches‘ Alter Ego Giaccinos fungierte (dessen Gauklerwams und Blasinstrument außerdem der Gestalt eines Vogels ähneln).
Zum anderen artikulieren sich Fernweh und Liebessehnsucht dieses marginalisierten Vertreters aus dem Fahrenden Volk, welches über die Anspielung auf die Figur des Ewigen Juden zudem mit der Situation jüdischer Diaspora verbunden werden kann, auch weiterhin in dessen Musik. Ihre zweckfreie Eigenständigkeit als künstlerischer Stimmungsausdruck lässt am Ende selbst den etablierten Ratsherrn Matthias Seiler (der zuvor eine beglückend geschilderte Annäherung an den als ‚Hexenvogel‘ verschrienen Sittich erlebt hat) an seiner Direktive produktiver Tätigkeit und bäuerlicher Wertschöpfung zweifeln – so erklärt sich auch die vorangestellte musikalische Widmung der zur Harfenistin ausgebildeten Autorin.
Julia Bertschik
Siglen
- HAStK-RBA - Historisches Archiv der Stadt Köln, Kiepenheuer & Witsch-Nachlass
Literatur
- Baum 2019 - Vicki Baum: Es war alles ganz anders. Erinnerungen [1962]. Köln 22019.
- W. P. 1953 - W. P.: Vicki Baum, Die Strandwache, Novellen [Rez.]. In: Hessische Nachrichten, 7.11.1953.

