Textgeschichte

Gegen ein Entgelt, das auch die Aufführungsrechte enthielt, war das Dramentyposkript von Menschen im Hotel. 16 Bilder mit dem Zusatz „Endgültige Fassung“ in dem auf Theaterstücke spezialisierten Wiener Georg Marton Verlag seit 1930 erhältlich, nicht jedoch für das allgemeine Lesepublikum. Während das Theaterstück in englischer Übersetzung und Bearbeitung von William A. Drake seit 1943 als Publikation in einem New Yorker Sammelband europäischer Theaterstücke vorlag (Baum 1943), war das deutschsprachige Originaltyposkript bislang nur in wenigen Theaterarchiven in Deutschland und den USA einsehbar, so etwa in der Special Collection Library, University of Maryland; weitere, von den Theatern bearbeitete (Strich-)Fassungen des Textes finden sich in der Landesbibliothek Coburg und dem Theatermuseum, Wien.

Diese Archivbasis erlaubt es, die „Endgültige Fassung“ mit 16 Bildern von zwei weiteren Fassungen zu differenzieren. Zum einen unterscheidet sie sich von einem Text aus dem Jahr 1929, der als „Ungekürzte Fassung“ mit 21 Bildern und dem Untertitel Kolportage mit Hintergründen in drei Akten ebenfalls bei Georg Marton erschienen war und im Theatermuseum, Wien aufbewahrt wird, zum anderen von einer späteren, undatierten querformatigen Fassung mit 16 Bildern, die der Berliner Theaterverlag Felix Bloch Erben veröffentlichte und die in der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität zu Köln vorliegt. Letztere unterscheidet sich vom Text der „Endgültigen Fassung“ aus dem Jahr 1930 allein dadurch, dass die Handlung von Berlin nach Wien verlegt wurde. Ferner fehlen in der undatierten Fassung wie in der Version von 1929 die ausführlichen Regieanweisungen zu Beginn des Stücks, welche die Erfahrungen der Autorin mit der Vorbereitung der Berliner Uraufführung verarbeiteten.

Die Tatsache, dass der (selbst)ironisch kommentierende Untertitel in der „Endgültigen Fassung“ gestrichen wurde, spiegelt die Publikationsgeschichte des Romans wider. Auch die englischsprachigen Ausgaben des Theaterstücks wurden ohne Untertitel publiziert. Im Gegensatz zum Romantext, der „die ironische spielerische Balance zwischen Traum und Realität“ (Nottelmann 2007, 150), zwischen Kolportage und Reportage des Untertitels einfängt, konzentriert sich die von Dialogen getragene Bühnenfassung auf die zufälligen Hotelbegegnungen der Hauptcharaktere und die daraus folgenden Verwicklungen. Anstelle von Kombination und Demontage populärer narrativer Kolportageforme(l)n konfrontiert Vicki Baum auf der Bühne modern-sachliche Kommunikationsmedien wie Telefon und Telegramm mit emotional aufgeladenen Figurenreden und melodramatischen Handlungsumschwüngen.

Die unterschiedliche Anzahl der Szenen der Dramenfassungen von 1929 und 1930 geht u. a. darauf zurück, dass Szenen, die zunächst als einzelne Bilder gedacht waren, von der Autorin in der späteren Fassung miteinander verbunden wurden. Hinsichtlich des Handlungsbogens zeichnet sich die spätere Version ebenfalls durch eine straffere Dialogführung aus. Bereits die Telefonmonologe der Figuren im ersten Bild (1. Akt) sind gekürzt; das zweite Bild in der Hotelhalle ist so arrangiert, dass die zentralen Figuren Otternschlag und Kringelein früher zu Wort kommen, und der erste Dialog zwischen Gaigern und der Figur des Schofförs von größerer Sachlichkeit und Distanz gekennzeichnet ist. Die bündigere Dialogführung der „Endgültigen Fassung“ wird ferner durch weitere Textkürzungen unterstützt, die den Spannungsbogen der Handlung in den Vordergrund rücken.

Anstelle des ironischen Untertitels weist die Fassung von 1930 Regieanmerkungen auf, die die Vorstellungen der Autorin bezüglich Dramaturgie und Schauspiel artikulieren. Auch hier insistiert Baum auf (neu)sachlicher Zurückhaltung: Kringelein solle nicht „übertrieben und komisch“ wirken, jedoch mit einem Grad „rührende[r] Unbeholfenheit“; Grusinskaja dürfe nicht „zu alt gespielt werden“ und Flämmchen „frisch, herb und absolut natürlich“ – ohne „Affektation“ (306f.).

Während viele Namen dem Romantext entsprechen (z. T. jedoch in Varianten oder anderen Schreibweisen und Kontexten erscheinen: Elisabeth Andrejewna, Senft, Meierheim, Brosemann, Babs, Saxonia), mutiert Grusinskajas Kammerzofe Suzette im Theatertext zu Suzanne, die Sekretärin Flamm, genannt Flämmchen, erhält den Vornamen Christine, und die Rollen der Zimmermädchen, die im Roman anonym und eher im Hintergrund bleiben, werden im Theaterstück von einer Figur vertreten, die als Anna eingeführt und deutlicher in ihrer prekären Stellung verortet wird. Im Romantext hatte Baum den Vornamen Anna für die Fredersdorfer Ehefrau von Kringelein reserviert. Im Drama fehlen indes jegliche Bezüge auf Anna Sauerkatz und die unglückliche Ehe zwischen ihr und Kringelein.

Kerstin Barndt und Julia Bertschik

Literatur

  • Baum 1943 - Vicki Baum: Grand Hotel. Adapted from the German by William A. Drake. In: Sixteen Famous European Plays. Hg. v. Bennett A. Cerf und Van H. Cartmell. New York 1943, 353–937.
  • Nottelmann 2007 - Nicole Nottelmann: Die Karrieren der Vicki Baum. Eine Biographie. Köln 2007.