Haus- und Querschnitt-Drama

Die Bühnenfassung von Menschen im Hotel weist 23 namentlich genannte Rollen und eine nicht näher spezifizierte Anzahl von Statist*innen aus: „Hotelgäste, Boys, Hotel- und Bankangestellte, Eintänzer, Gäste in der Bar, Spieler, Kriminalbeamte“ (303). Die Anzahl der Figuren evoziert die Geschäftigkeit des Grandhotels Berlin, auf dessen ‚Bühne‘ sich die in 36 Stunden abspielende Handlung entfaltet: das Theater wird zum Hotel und vice versa. In einer Inszenierung der Berliner Vagantenbühne 2019 (Regie: Lars Georg Vogel) wurde Menschen im Hotel dann auch folgerichtig in den authentischen Räumen des Hotels Savoy inszeniert (vgl. Bazinger 2019). Trotz des Aufgebots an Personal etabliert der erste Akt die Hauptfiguren, die im Drama wie im Roman die Handlung und ihre spannungsreichen Konflikte tragen: Grusinskaja, Flämmchen, Kringelein, Baron von Gaigern, Generaldirektor Preysing und Dr. Otternschlag. Im Gegensatz zu den markanten Orten des Romans, der durch Gaigerns und Kringeleins gemeinsame Autofahrten, ihren Rundflug und den Besuch eines Boxkampfs neben dem Hotel auch die Großstadtwahrnehmung und Unterhaltungskultur Berlins in den 1920er Jahren thematisiert, verbleiben die Figuren des Bühnenstücks im Hotel (vgl. Quaresima 2016, 72). Wie für die Gattung des Dramas typisch, berichtet Kringelein hier lediglich von seinem allein absolvierten Einkauf einer neuen Herrengarderobe, seinem Flugerlebnis und seiner Rundfahrt, die ihn nach Potsdam führt.

Die Multiperspektivität der ‚group novel‘ Menschen im Hotel findet auf der Bühne stattdessen die Form eines Haus- oder Querschnitt-Dramas: „Querschnitt ist jetzt die große Mode. Im Rundfunk gibt man uns Querschnitte durch Opern und Operetten, im Theater haben wir schon drei- oder viermal ganze Häuser gesehen, die von oben bis unten aufgeschnitten waren, um uns ihr Innerstes zu zeigen“ (Lothar 1930). So hatte das Deutsche Theater bereits 1928 Ferdinand Bruckners sozialkritisches Zeitstück Die Verbrecher (Regie: Heinz Hilpert) inszeniert, das durch die Milieustudie eines Mietshauses soziale Ungerechtigkeiten der Justiz anprangerte. Die Simultanbühne zeigte einen Aufriss des Hauses auf zwei Etagen, in der mehrere Räume gleichzeitig nebeneinander bespielt werden konnten (vgl. Weigel 1999, 164). Ein Jahr zuvor hatte bereits Erwin Piscator mit seiner Inszenierung von Ernst Tollers Revolutionsdrama Hoppla, wir leben! (1927) die avancierte Drehbühnentechnik im Theater am Nollendorfplatz genutzt, um die Gleichzeitigkeit diverser Handlungsstränge zu betonen. Wenig später waren auch die Haus-Dramen Die Straße (1929) des US-amerikanischen Autors Elmer Rice und Apollo Brunnenstraße (1930) von Stefan Großmann und Franz Hessel auf den Berliner Bühnen zu sehen. Mit Menschen im Hotel haben sie gemeinsam, „dass ihr Held keine Einzel-Person ist, sondern eine Gruppe von Menschen oder eigentlich das Haus, das diese Menschen mitsammen bewohnen und durch das sie eben eine Gruppe werden“ (Polgar 1930, 321). Historisch bezieht sich dieses experimentelle Simultantheater der 1920er Jahre auf die bereits im Alt-Wiener Volkstheater des 19. Jahrhunderts erprobten Querschnittstücke Johann Nestroys Zu ebener Erde und erster Stock (1835) sowie Das Haus der Temperamente (1837).

Vicki Baums Entscheidung, den Querschnitt eines Hotels statt eines Mietshauses zu zeigen, hebt ihr Drama in eine liminale, mondän-moderne Sphäre, in der Arbeit und Tanzvergnügen, Eros und kriminelle Energien in deutlich höherem Tempo als im Roman aufeinandertreffen. Die transitorische Qualität des Hotels, die auf der (Dreh-)Bühne von der Drehtür und der Rezeption als Schaltstelle des Kommens und Gehens eingefangen wird, unterstreicht die Zufälligkeit und Zeitlichkeit der Begegnungen.

Noch stärker als im Roman wird in der Bühnenadaption zudem der Einfluss von Kinofilmen deutlich, die das Hotel mit seiner Drehtür bereits als zentrale Signatur der Moderne etabliert hatten: vom Stummfilm Das Grand Hotel Babylon (Regie: E. A. Dupont, 1920) über die Drehtür in F. W. Murnaus Der letzte Mann (1924) bis zu zwei Hotelfilmen in der Regie von Johannes Guter, Grand Hotel ...! (1927) und Ihr dunkler Punkt (1929). Wie bei Baum spielt auch in Guters letztgenanntem Hotelfilm der Raub einer Perlenkette eine zentrale Rolle (vgl. Arns 2016, 14). Baums Regieanmerkungen legen nahe, dass die Bühnenadaption die Nähe zum Medium Film im Vergleich zum Roman noch verstärken sollte. Für die Inszenierung empfiehlt sie schnelle, dem Film ähnelnde Szenenwechsel. Von der zweistöckigen Drehbühne, wie sie bei der Inzenierung von Bruckners Drama zum Einsatz gekommen war, rät Baum allerdings ab, da sie eine zu große Distanz des Publikums zu den „auf einen Kammerspielton gestimmten Liebesszenen“ produzieren würde (305).

Prononcierter als im Roman stehen im Drama die sachliche Arbeitserotik zwischen Flämmchen und Preysing (der hier mit einer Tischlampe statt mit einem Tintenfass nach Gaigern wirft) dem exaltiert-narzisstischen Liebesdiskurs zwischen Grusinskaja und Gaigern gegenüber. Als verbindende, zentrale Figur fungiert Kringelein, der mit Leidenschaft sozioökonomische Ungleichheiten bloßstellt und angesichts seines nahenden Todes das Leben feiern möchte (vgl. Faktor 1930; Lothar 1930).

Kerstin Barndt und Julia Bertschik

Literatur

  • Arns 2016 - Alfons Maria Arns: Luxus, Horror, Illusionen. Das Universum des Hotels im Film. In: Film-Bühne Hotel. Begegnungen in begrenzten Räumen. Redaktion: Swenja Schiemann und Erika Wottrich. München 2016, 11–24.
  • Bazinger 2019 - Irene Bazinger: Wenn das Hotelzimmer zur Theaterbühne wird. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.4.2019.
  • Faktor 1930 - Emil Faktor: Theater am Nollendorfplatz: Menschen im Hotel. In: Berliner Börsen-Courier, 17.1.1930.
  • Lothar 1930 - Rudolph Lothar: Berliner Theater. In: Neues Wiener Journal, 22.1.1930, 11.
  • Polgar 1930 - Alfred Polgar: Haus-Stücke. In: Die Weltbühne 26, 1, 1930, 321–325.
  • Quaresima 2016 - Leonardo Quaresima: Menschen im Hotel. Ein multipler Text. In: Film-Bühne Hotel. Begegnungen in begrenzten Räumen. Redaktion: Swenja Schiemann und Erika Wottrich. München 2016, 61–78.
  • Weigel 1999 - Alexander Weigel: Das Deutsche Theater. Eine Geschichte in Bildern. Hg. v. Deutschen Theater. Berlin 1999.