Entstehung und Premiere

Die Idee, Vicki Baums Roman Menschen im Hotel als Theaterstück auf die Bühne zu bringen, geht auf den Bühnenverleger und Literaturagenten Georg Marton zurück. Marton beauftragte zunächst Alexander Erdei, der 1927 für Marton das ungarische Theaterstück Der erste Mann von Lili Hatvany übersetzt hatte, mit der Adaption. Baum zeigte sich angesichts der Vielzahl von Romanfiguren und Nebenhandlungen dem Projekt gegenüber skeptisch, gab dem Anliegen jedoch letztendlich grünes Licht (vgl. Baum 2019, 458f.). Den ersten Entwurf von Erdei fand Baum allerdings „grauenvoll“: „Ich will nicht, dass mein Roman vergulascht wird“ (Baum 2019, 459). Die Auseinandersetzung mit der nach ihren Worten misslungenen ersten Theaterfassung von Erdei weckte Baums Ehrgeiz, die Dramatisierung ihres Romans selbst in die Hand zu nehmen, denn „[w]enn ich etwas beherrschte, so die Technik des Stückeschreibens“ (Baum 2019, 458). Selbstbewusst bezog sie sich dabei auf ihre Kenntnis zeitgenössischer Opern-Inszenierungen, die sie als Harfenistin und durch die Dirigententätigkeit ihres Ehemanns, Richard Lert, gesammelt hatte, sowie auf eigene Märchenspiele und Kinderstücke der 1920er Jahre (vgl. Baum 2019, 458; Seibert 2013). 

Zusatz zum Verlags- und Bühnenvertriebs-Vertrag "Menschen im Hotel" von Vicki Baum vom 17.10.1929, AdK, Vicki-Baum-Archiv, Nr. 105.

Das Theaterstück Menschen im Hotel sollte nicht Baums einzige Dramatisierung eines von ihr geschriebenen Romans bleiben: Im US-amerikanischen Exil bearbeitete sie in den 1940er Jahren ihren auf Englisch verfassten Roman Hotel Berlin ’43 (1944) für die Bühne (vgl. Grand Hotel 1943. A Play [Typoskript, o. J.], AdK, Nr. 54; unter dem Titel Hotel Berlin 1943. Schauspiel in 3 Akten ins Deutsche übersetzt und bearbeitet von Helmut Qualtinger [Typoskript des Thomas Sessler Verlags, Wien, o. J.]). Hotel Berlin ’43 begriff Baum als „eigentlich […] zweite[n] Teil von ‚Menschen im Hotel‘“ (Baum 1947, 5) unter den Bedingungen von Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg (1945 erschien unter dem Titel Hotel Berlin  eine US-amerikanische Verfilmung in der Regie von Peter Godfrey; vgl. Capovilla 2022, 48f.). Die Komödie Pariser Platz 13 hatte Baum 1930 zudem von vornherein als Theaterstück konzipiert und ihre Technik der episch kommentierenden Regieanweisungen weiter ausgebaut (vgl. Baum 2012; Bertschik 2012).

Nachdem Baum die Idee der ersten Szene von Menschen im Hotel gegen den Einspruch Erdeis so skizziert hatte, dass sie die Hauptfiguren in der Hotelhalle telefonierend einführte, ging der Autorin die Arbeit „leicht und schnell von der Hand“ (Baum 2019, 460; vgl. Nottelmann 2007, 150). Während die im Marton Verlag publizierten Typoskripte des Dramas Baum als alleinige Autorin nennen, konstatiert ein Zusatz vom 17.10.1929 zum Verlags- und Bühnenvertriebs-Vertrag, der am gleichen Tag zwischen Marton, Baum und Erdei geschlossen wurde (vgl. AdK, Nr. 92), dass die „Dramatisierung […] von Frau Vicki B a u m, gemeinsam mit Herrn Dr. Alexander E r d e i besorgt“ worden sei (AdK, Nr. 105).

Agreement zu "Menschen im Hotel" zwischen Vicki Baum, Georg Marton Verlag, Ullstein Verlag und Edmond Pauker vom 02.08.1930, AdK, Vicki-Baum-Archiv, Nr. 105.

Die Tantiemenregelung, derzufolge Baum 80% und Erdei 20% der für die Autor*innen anteiligen Verlagseingänge erhalten sollte, weist Baum als Hauptautorin aus, lässt aber darüber hinaus wenig Rückschlüsse über die tatsächliche Arbeitsteilung zu. Die Frage, ob sich Erdeis Mitarbeit auf die erste Vorlage beschränkt oder ob er auch an den Fassungen, die dann von Baum autorisiert wurden, mitgearbeitet hat, kann nicht hinreichend geklärt werden. Im Vertrag mit dem Bühnen- und Filmagenten Edmond Pauker über die globalen Bühnen- und Filmrechte des Theaterstücks, der 1930 von Ullstein, Marton, Baum und Pauker unterzeichnet wurde, wird nur Baum als Autorin genannt (vgl. Agreement, 2.8.1930, AdK, Nr. 105).

Bereits im Herbst 1929 fanden erste Gespräche über die Berliner Premiere des Dramas an den von Max Reinhardt geführten Bühnen des Deutschen Theaters statt. Als Regisseur wurde Gustaf Gründgens gewonnen. Baum nahm an vorbereitenden Gesprächen über die Inszenierung teil, die am 16.1.1930 als Gastspiel im Theater am Nollendorfplatz ihre Welturaufführung erfuhr (vgl. Brief von Karl Rosen an Gustaf Gründgens, 18.11.1929, Stabi, NL GG 316). In den Jahren 1930 und 1931 folgten Premieren in Wien, Frankfurt/Main, Paris, London, New York sowie ca. 130 weitere europäische und US-amerikanische Inszenierungen (vgl. Nottelmann 2007, 151; Scheuer 1931). Während die Erfolge des Theaterstücks beim Publikum und bei der Kritik variierten (s. Rezeption), blieb der „stärkste Beifall“ nach der ersten Szene selten aus (Bab 1930; vgl. Baum 2019, 461). Baum hatte mit ihrem originellen ersten Bild der Telefonzellen sowie den schnellen, dem Filmschnitt ähnelnden Übergängen von einem theatralen Hotelraum in den nächsten die narrativen und technischen Möglichkeiten des zeitgenössischen Theaters erfolgreich ausgelotet.

Kerstin Barndt und Julia Bertschik

Siglen

  • AdK - Akademie der Künste, Berlin, Vicki-Baum-Archiv
  • Stabi - Staatsbibliothek zu Berlin, Nachlass Gustaf Gründgens

 

Literatur

  • Bab 1930 - Julius Bab: „Menschen im Hotel“. Premiere im Theater am Nollendorfplatz. In: Berliner Volks-Zeitung, Abend-Ausgabe, 17.1.1930.
  • Baum 1947 - Vicki Baum: Einleitung [1946]. In: Dies.: Hier stand ein Hotel. Zürich 1947, 5–7.
  • Baum 2012 - Vicki Baum: Pariser Platz 13 [1930]. Eine Komödie aus dem Schönheitssalon und andere Texte über Kosmetik, Alter und Mode. Hg. v. Julia Bertschik. Aktualisierte Fassung. Berlin 2012.
  • Baum 2019 - Vicki Baum: Es war alles ganz anders. Erinnerungen [1962]. Köln 22019.
  • Bertschik 2012 - Julia Bertschik: Die Ironie hinter der Fassade. Vicki Baums neusachliche Komödie aus dem Schönheitssalon „Pariser Platz 13“ (1930) [2006]. In: Vicki Baum: Pariser Platz 13 [1930]. Eine Komödie aus dem Schönheitssalon und andere Texte über Kosmetik, Alter und Mode. Hg. v. Julia Bertschik. Aktualisierte Fassung. Berlin 2012, 192–216.
  • Capovilla 2022 - Andrea Capovilla: Vicki Baum und der Film. In: Text + Kritik 235, 2022: Vicki Baum. Hg. v. Julia Bertschik u. a., 45–52.
  • Nottelmann 2007 - Nicole Nottelmann: Die Karrieren der Vicki Baum. Eine Biographie. Köln 2007.
  • Scheuer 1931 - Philip K. Scheuer: “Grand Hotel,” “Lysistrata” Spur Local Stage Interest as Christmas Drama Fare. In: Los Angeles Times, 20.12.1931, B10.
  • Seibert 2013 - Ernst Seibert: Vicki Baums Kinderstücke zwischen Klamauk und nestroyanischer Komik. In: Lifestyle – Mode – Unterhaltung oder doch etwas mehr? Die andere Seite der Schriftstellerin Vicki Baum (1888–1960). Hg. v. Susanne Blumesberger und Jana Mikota. Wien 2013, 141–163.