Untertitel

Vicki Baum bescheinigt ihrem eigenen Roman Menschen im Hotel aus der Rückschau und wohl auch als Reaktion auf die z. T. recht negative zeitgenössische Kritik im deutschsprachigen Raum (die sich in erster Linie jedoch auf die Inszenierungen der Theaterfassung von Menschen im Hotel bezog; s. Rezeption), er sei „kein Schmarren, […] aber auch nicht das, was ich unter einem wirklich guten Buch verstehe; deshalb nicht, weil ich mir den kleinen Scherz erlaubt hatte, abgedroschene Figuren und Situationen zu benutzen“ (Baum 2019, 457). Ihre Figur Otternschlag ließ sie außerdem den „Symbolismus“ vom Hotel als Sinnbild des Lebens „bis an die Grenze des guten Geschmacks wiederkäuen“ (Baum 2019, 454). Eben dieses (selbst)ironisch-kritische „Experiment“ (Baum 2019, 454) mit den Produktions- und Rezeptionsformen trivialer Unterhaltungsliteratur sollte schon der Untertitel Ein Kolportageroman mit Hintergründen signalisieren, um damit, in einer an Bertolt Brechts etwa zeitgleiche „soziologische[] Experiment[e]“ (1973, 117) erinnernden Methode der Überbietung als gesellschaftskritisches Erzeugnis einer neusachlichen Gebrauchsästhetik zu wirken. Der weitgehende Wegfall des Untertitels, den Baum nicht verhindert hat oder auch nicht verhindern konnte (u. a. aufgrund der vielfältigen und frühzeitigen Transformationen des Romans vom Zeitschriftenvorabdruck zur Dramenfassung, den englischen Übersetzungen bis zur Drehbuchversion Hollywoods für die Oscar-prämierte Ensembleverfilmung Grand Hotel von 1932), ermöglichte jedoch eine „einzigartige[] Wirkungsgeschichte, die auf einem gezielten Mißverständnis beruht“ (Fuld 1989, 158; vgl. auch Thunecke 1992, 135f.). Denn statt der von Baum geplanten Demontage zeitgenössischer Kolportageliteratur stand diese nun selbst im Mittelpunkt des Interesses bzw., in den sarkastischen Worten der Autorin: „Die Ironie lag dann darin, dass kein Mensch die Ironie gespürt hat“ (Baum 2019, 454).

In dieser „doppelte[n] Rezeptionsmöglichkeit“ (Koller 1979, 119f.) von Baums Text liegt aber auch sein Erfolgsprinzip begründet, wie es sich selbst nach der Auswanderung der Autorin in die USA weiterhin bewähren sollte, und es erklärt ebenso die lang anhaltende Ignoranz der germanistischen Forschung. Denn Baums Prinzip einer „implizite[n] Ironisierung“ ist ihrem Text zwar eingeschrieben, lässt sich aber auch überlesen (Nottelmann 2002, 160, 167). So bildet die Kombination von Titel und Untertitel des Bestsellers Menschen im Hotel zum einen „in nuce die Doppelstruktur der Gesamterzählung und deren Strategie der Ambiguität ab“ (Nottelmann 2002, 169). Die dadurch programmatisch angekündigte Differenz zwischen der Formel des Kolportageromans und dessen ironischer Variation kann zum anderen aber – das zeigt die Wirkungsgeschichte dieses Textes schließlich auch – durchaus ignoriert werden. Dem liegt die spezifische Problematik ironischer Stilformen generell zugrunde: wird doch die jeweils evozierte „Idee einer Norm [...] von der Ironie [...] nicht schlechthin über- oder unterboten, sondern zugleich dargeboten“ (Japp 2021, 44) – sie bleibt damit also auch weiterhin erhalten und rezipierbar (vgl. dazu bereits Bertschik 2012, 204f.).

Julia Bertschik

Literatur

  • Baum 2019 - Vicki Baum: Es war alles ganz anders. Erinnerungen [1962]. Köln 22019.
  • Bertschik 2012 - Julia Bertschik: Die Ironie hinter der Fassade. Vicki Baums neusachliche Komödie aus dem Schönheitssalon „Pariser Platz 13“ (1930) [2006]. In: Vicki Baum: Pariser Platz 13 [1930]. Eine Komödie aus dem Schönheitssalon und andere Texte über Kosmetik, Alter und Mode. Hg. v. Julia Bertschik. Aktualisierte Fassung. Berlin 2012, 192–216.
  • Brecht 1973 - Bertolt Brecht: Der Dreigroschenprozeß. Ein soziologisches Experiment. In: Bertolt Brechts Dreigroschenbuch. Texte, Materialien, Dokumente. Bd. 1. Hg. v. Siegfried Unseld. Frankfurt/Main 11973, 117–176.
  • Fuld 1989 - Werner Fuld: Die Drehtür als Schicksalsrad. Über Vicki Baum: Menschen im Hotel (1929). In: Romane von gestern – heute gelesen. Bd. 2: 1918–1933. Hg. v. Marcel Reich-Ranicki. Frankfurt/Main 1989, 153–158.
  • Japp 2021 - Uwe Japp: Theorie der Ironie. Frankfurt/Main 32021.
  • Koller 1979 - Ulrike Koller: Vom „Lesepöbel“ zur Leser-„Gemeinde“. Raabes Beziehung zum zeitgenössischen Publikum im Spiegel der Leserbehandlung. In: Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft 1979, 94–127.
  • Nottelmann 2002 - Nicole Nottelmann: Strategien des Erfolgs. Narratologische Analysen exemplarischer Romane Vicki Baums. Würzburg 2002.
  • Thunecke 1992 - Jörg Thunecke: Kolportage ohne Hintergründe: Der Film Grand Hotel (1932). Exemplarische Darstellung der Entwicklungsgeschichte von Vicki Baums Roman Menschen im Hotel (1929). In: Die Resonanz des Exils. Gelungene und mißlungene Rezeption deutschsprachiger Exilautoren. Hg. v. Dieter Sevin. Amsterdam und Atlanta 1992, 134–153.