Publikationsgeschichte

S. 1 des Vertrags zu "Menschen im Hotel" zwischen Vicki Baum und dem Ullstein Verlag vom 25.01.1929, UBV.

Publikationsgeschichte

Der Roman Menschen im Hotel erschien 1929 im Berliner Ullstein Verlag sowie 1931 noch einmal als 6. Band in der aus acht Werken Baums bestehenden Ullstein-Ausgabe „Romane des Herzens“. Zuvor wurde der Text in 14 Folgen vom 31.3.–29.6.1929 in der hauseigenen, wöchentlich mit einer Auflage von fast zwei Millionen erscheinenden Berliner Illustrirten Zeitung publiziert (vgl. Mergenthaler 2025), und zwar unterteilt in zwölf nummerierte Abschnitte sowie ohne den (selbst)ironisch kommentierenden Untertitel Ein Kolportageroman mit Hintergründen.

Wie aus dem Verlagsvertrag vom 25.1.1929 hervorgeht, erfolgte die „endgültige Festsetzung des Titels“, der bei Ullstein in erster Linie verkaufsfördernd zu sein hatte (vgl. Wegmann 2011, 88), zwar „in gegenseitigem Einverständnis“, gleichwohl behielt sich Ullstein für den Vorabdruck vor, „Kürzungen, auch in größerem Umfange, sowie kleinere redaktionelle Aenderungen“ vorzunehmen (§ 1 u. 3 des Roman-Vertrags „Menschen im Hotel“, UBV). Aus Gründen der „Zurückhaltung in strittigen Fragen und Formen“, insbesondere der Sexualität (Gruber 2011, 185), gemäß dem deutschen Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor sogenannten Schund- und Schmutzschriften von 1926, bestanden diese für den Zeitschriftendruck vor allem in der Kürzung von Passagen der Liebesaffäre zwischen Gaigern und Grusinskaja, der übergriffigen Annäherungsversuche Preysings an Flämmchen, der Beziehung Kringeleins zu ihr und den Aspekten ihrer Gelegenheitsprostitution sowie in einem Verzicht auf Beschreibungen von Flämmchens und Grusinskajas nackter Körperlichkeit.

Darüber hinaus erschienen im Zeitschriftendruck, insbesondere am Übergang von einem Fortsetzungsteil zum nächsten, reflexive und programmatische Passagen weniger ausführlich, wie die durch Gaigern inspirierten sozialkritisch neuen Ballett-Ideen der Grusinskaja oder die Überlegungen zum fragmentarischen Charakter der Hotelschicksale (vgl. dazu auch Quaresima 2016, 70, der hier, vielleicht ein wenig überspitzt, davon spricht, dass dadurch für die Zeitschriftenleser*innen „‚Menschen im Hotel‘ tatsächlich ein Kolportageroman – ohne Hintergründe“ blieb). Durch eine kleinteiligere, für die Zeitungslektüre übersichtlichere Absatzgestaltung wurden die jeweiligen Redeanteile in den Dialogpassagen zugleich stärker akzentuiert und – sozusagen im Vorgriff auf die späteren Theater- und Drehbuchfassungen des Prosatextes – bereits dramenähnlich angeordnet (zu den transmedialen Adaptionen von Menschen im Hotel vgl. den Kommentar zur Theaterfassung).

Mit Ausnahme einer Buchausgabe des Ullstein Verlags von 1955 (Baum 1955) erschienen seit der zweiten Auflage (vgl. Nottelmann 2007, 143, 345f.) auch die späteren, ab 1988 dann in bislang über 15 Auflagen bei Kiepenheuer & Witsch in Köln publizierten Buchfassungen ohne den leser*innenlenkenden Untertitel. Diese Ausgaben unterscheiden sich vom ersten Buchdruck auch durch die Anpassung an die jeweils zeitgenössische Rechtschreibung und Interpunktion. Darüber hinaus wurden zeittypische und umgangssprachliche Begriffe, Wendungen, Schreibweisen, Konjunktivformen und wiederholte Tempuswechsel, welche indes wie Kameraschwenks wirken können (vgl. Capovilla 2004, 93), sukzessive angeglichen sowie einige erläuternde, wiederholende bzw. betonende Satzzusätze weggelassen.

1998, zum 95-jährigen Bestehen des Ullstein Buchverlags (und 45-jährigen des Taschenbuchverlags), wurde Vicki Baums (laut Klappentext) „Evergreen“ Menschen im Hotel im Rahmen einer sechsbändigen Sonderausgabe mit Titeln der 1920er Jahre von Clara Viebig, Gerhart Hauptmann, Ricarda Huch, Hans Fallada und Alexander Lernet-Holenia, die alle zunächst als Fortsetzungsromane in der Berliner Illustrirten Zeitung veröffentlicht worden waren, in der damaligen Aufmachung der preisgünstigen Originalreihe der „Gelben Ullstein-Bücher“ erneut herausgebracht (Baum 1998; vgl. Göbel 2011, 197). Auch hier fehlte jedoch der Untertitel.

2010 erschien in der Büchergilde Gutenberg eine von Christine Pilkenrodt illustrierte Ausgabe (Baum 2010). Bereits ein Jahr nach seinem ersten Erscheinen in Deutschland war Baums Roman „in fast alle europäischen Länder“ (wiederum ohne Untertitel) verkauft und selbst ins Katalanische übersetzt worden (Nottelmann 2007, 156, 143; vgl. auch Nottelmann 2002, 346–349; AdK, Nr. 91, Nr. 100, Nr. 133 sowie zur angloamerikanischen Erfolgsgeschichte von Menschen im Hotel den Kommentar zur Theaterfassung).

Eine frühe Vorstufe des Romans liefert das undatierte, fragmentarische Manuskript Die Versicherung des Adolf Kringelein der noch jugendlichen Autorin (VBC, Box 1, Folder 5; 25 von 41 Seiten sind erhalten): In einer Kleinstadt namens Goggingen verlobt sich der krebskranke Titelheld, kaufmännischer Schriftführer (‚Korrespondent‘) der lokalen Zuckerfabrik, mit der Tochter des Kolonialwarenhändlers Sauerkatz, die sich jedoch eine bessere Partie erträumt hatte. Seine auf Druck der Familie abgeschlossene Lebensversicherung, die ihn zum permanenten Sparen anhält, löst er im Angesicht des nahenden Todes auf, um im besten Hotel Berlins den Rest seines Lebens zu genießen, so Baum (2019, 450–453) in ihren Erinnerungen zum geplanten weiteren Verlauf der Handlung.

Eine weibliche Version ihrer Kringelein-Figur entwirft Baum dann mit der Protagonistin Anita Ammer in ihrer Erzählung Von sechs bis sechs (vgl. AdK, Nr. 117), die 1937 unter dem Titel De six à six in der Übersetzung von Marguerite Thiolat in zwei Folgen der französischen Wochenzeitung Gringoire erscheint (18.6.1937, 7; 25.6.1937, 9). Ende 1938 erfolgt die Pariser Buchpublikation im Erzählungsband Retour à l’aube, wie Baums Text jetzt heißt, angelehnt an die gleichnamige Verfilmung von Henri Decoin aus demselben Jahr, mit Danielle Darrieux in der Rolle der Stationsvorstehersfrau Anita aus der Kleinstadt Thaya.

Baums Kurzgeschichte Panik. Die Geschichte einer Entgleisung, die 1926 im Ullstein-Magazin Uhu erschienen ist, thematisiert darüber hinaus bereits die Liebesnacht zwischen dem alternden Ballettstar Grusinskaja und dem deutlich jüngeren Arnold von Stetten, Chefingenieur eines chemischen Werks, was auch auf Baums Roman stud. chem. Helene Willfüer von 1928/29 verweist. Grusinskaja und Stetten lernen sich in Baums Erzählung bei einem Zugunglück kennen. Schon nach der zweiten Nacht setzt bei beiden allerdings die Ernüchterung über ihre eigene ‚Entgleisung‘ ein, was sie schließlich wieder getrennte Wege gehen lässt.

Für ihren neunten Roman Menschen im Hotel erhielt Baum ein persönliches „Rekordhonorar“ von 40.000 Mark, was etwa der Kaufkraft von 168.000 Euro entspricht (Baum 2019, 454; vgl. § 2 des Roman-Vertrags „Menschen im Hotel“, UBV; Kaufkraftäquivalente historischer Beträge in deutschen Währungen, 12.2.2025). Als Novum in der Geschichte der Berliner Illustrirten Zeitung folgte der Vorabdruck des Romans auf das unmittelbar vorangegangene Werk derselben Autorin, stud. chem. Helene Willfüer (vgl. Nottelmann 2007, 140). Der große internationale (Publikums-)Erfolg von Menschen im Hotel ermöglichte Baum und ihrer Familie 1932 schließlich die frühzeitige Übersiedlung nach Amerika (vgl. Baum 2019, 477). Dies geschah noch vor der Verbrennung ihrer Bücher ein Jahr später, was sich aber bereits in der völkisch orientierten Hetze gegen die ‚jüdische Asphaltliteratin‘ und ihr Werk in der Nachfolge von Menschen im Hotel angekündigt hatte (vgl. z. B. Anonym 1932). Gleichzeitig wurde damit das „Publikumsklischee Vicki Baum“, als „‚die Frau, die ‚Menschen im Hotel‘ geschrieben hat‘“, quasi ‚eintätowiert‘, wie die Autorin es selbst, „des erfolgreichen Opus […] überdrüssig“, in ihren Erinnerungen schildert (Baum 2019, 480f., 478). Für Erfolg (insbesondere in England und Amerika) wie für Überdruss der Autorin sorgten aber vor allem die medialen Transformationen des Romans für Bühne und Film. Deshalb wird ihr bis heute bekanntester Romantext, der neben Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz (1929) als „bedeutendste[r] Großstadtroman der deutschsprachigen Literatur“ gilt (Becker 1999/2000, 179), durch die bislang unveröffentlichte Theaterfassung Baums ergänzt, welche auch die Grundlage für die Filmdrehbücher bildete (vgl. den Kommentar zum Theaterstück).

Julia Bertschik

Siglen

  • AdK - Akademie der Künste, Berlin, Vicki-Baum-Archiv
  • UBV - Ullstein Buchverlage Vertragsarchiv, Berlin
  • VBC - Vicki Baum Collection (AR 5130), Leo Baeck Institute, Center for Jewish History, New York

 

Literatur

  • Anonym 1932 - Anonym: Vom Theater. In: Villacher Zeitung, 19.11.1932, 9.
  • Baum 1926 - Vicky Baum: Panik. Die Geschichte einer Entgleisung. In: Uhu 2, 10, Juli 1926, 21–32, 122–128.
  • Baum 1955 - Vicki Baum: Menschen im Hotel. Ein Kolportageroman mit Hintergründen. West-Berlin und Frankfurt/Main 1955.
  • Baum 1998 - Vicki Baum: Menschen im Hotel. Roman. Berlin 1998.
  • Baum 2010 - Vicki Baum: Menschen im Hotel. Roman. Illustriert v. Christine Pilkenrodt. Frankfurt/Main u. a. 2010.
  • Baum 2019 - Vicki Baum: Es war alles ganz anders. Erinnerungen [1962]. Köln 22019.
  • Becker 1999/2000 - Sabina Becker: Großstädtische Metamorphosen. Vicki Baums Roman Menschen im Hotel. In: Jahrbuch zur Literatur der Weimarer Republik 5, 1999/2000, 167–194.
  • Capovilla 2004 - Andrea Capovilla: Entwürfe weiblicher Identität in der Moderne. Milena Jesenská, Vicki Baum, Gina Kaus, Alice Rühle-Gerstel. Studien zu Leben und Werk. Oldenburg 2004.
  • Göbel 2011 - Wolfram Göbel: Was tu ich jetzt am Stölpchen-See? Die Erfolgsstory der Gelben Ullstein-Bücher. In: Ullstein Chronik. 1903–2011. Hg. v. Anne Enderlein. Berlin 2011, 190–197.
  • Gruber 2011 - Eckhard Gruber: Was wird mein Roman einst sein, ohne daß ‚einhundertfünfzigtausendstes‘ drauf steht? Vicki Baums Roman „Menschen im Hotel“ und der Ullstein Verlag. In: Ullstein Chronik. 1903–2011. Hg. v. Anne Enderlein. Berlin 2011, 179–189.
  • Mergenthaler 2025 - Volker Mergenthaler: Die „radiating wings“ der Berliner Illustrirten Zeitung. Vicki Baums „Menschen im Hotel“ im Frühjahr 1929 lesen. In: Kolportage und Moderne. Literarische Verfahren und Formate zwischen Populär- und Hochkultur. Hg. v. David Brehm und Katharina Scheerer. Baden-Baden 2025, 203-251.
  • Nottelmann 2002 - Nicole Nottelmann: Strategien des Erfolgs. Narratologische Analysen exemplarischer Romane Vicki Baums. Würzburg 2002.
  • Nottelmann 2007 - Nicole Nottelmann: Die Karrieren der Vicki Baum. Eine Biographie. Köln 2007.
  • Quaresima 2016 - Leonardo Quaresima: Menschen im Hotel. Ein multipler Text. In: Film-Bühne Hotel. Begegnungen in begrenzten Räumen. Redaktion: Swenja Schiemann und Erika Wottrich. München 2016, 61–78.
  • Wegmann 2011 - Thomas Wegmann: Die Henne annonciert, die Ente drückt sich. Bücher und Werbung im Medienverbund. In: Ullstein Chronik. 1903–2011. Hg. v. Anne Enderlein. Berlin 2011, 83–94.